Bibliothek

Eine Auseinandersetzung mit den Büchern anderer Autoren. Nicht unbedingt klassische Rezensionen.

Rezension: Das barmherzige Fallbeil von Fred Vargas

Eine sterbenskranke Frau schreibt einen Brief. Wenige Tage später ist sie tot. Selbstmord, wie es zunächst scheint. Wenige Tage zuvor hat der Vater des Briefempfängers Selbstmord begangen. Zufall?
Selbstverständlich nicht. Immerhin befinden wir uns im Bereich des Fiktionalen, wo die Dinge zusammenhängen und Sinn ergeben, wenn man sie nur richtig ordnet. Vorher muss Kommissar Adamsberg aber noch den Sinn eines seltsamen Zeichens entschlüsseln, eine Geheimgesellschaft entdecken, die die Zeit der Revolution wieder aufleben lässt und bis nach Island reisen, wo die Geschichte viele Jahre zuvor begann.

Das klingt wirr? Zugegeben, in der Kürze tut es das. In der Langfassung ergibt es aber doch einen Sinn, auch wenn ich zugeben muss, nicht restlos begeistert zu sein.
Vargas arbeitet mit dem gewohnt skurrilen Personal um Kommissar Adamsberg und auch die übrigen Charaktere sind auf ihre individuelle Weise sehr prägnant. Die sich ergebenden Dialoge sind pointiert, teilweise surreal, oft witzig.
Und trotzdem …
Es liegt nicht so sehr daran, dass Vargas die Handlung dieses Mal nicht nur mit Mythen und Aberglauben verknüpft, sondern diesem dieses Mal tatsächlich reale Wirkung zuzugestehen scheint. Auch wenn ich durch und durch rational bin, war der Einfluss des Paranormalen zu marginal, um mich nachhaltig zu verärgern. Aber die Auflösung selbst kam für mich zu unvermittelt. Nicht, dass sie unplausibel gewesen wäre. Aber sie war mir zu unmotiviert. Weder habe ich nachvollziehen können, wie Adamsberg nun auf DEN Täter gekommen ist (was bei Vargas allerdings nicht ungewöhnlich ist), noch was dessen Antrieb war.

Mein Fazit: Nicht der beste Vargas. Solide Unterhaltung aber nicht berauschend.


Gelesen habe ich übrigens die Ausgabe der Büchergilde. Das Buch war aus der Bücherei ausgeliehen und dummerweise habe ich kein eigenes Foto gemacht.

Keine Chance für dicke Möpse

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Vor ein paar Tagen habe ich mir das Buch „Zwei dicke Möpse“ von Christian Bauer bei Amazon heruntergeladen. Ich war auf der Suche nach einem netten Krimi und der Klappentext versprach, dass die Möpse genau das sein sollten. Mehrere 5-Sterne Rezensionen, vondenen eine sogar bescheinigte:

… ein Krimi, wie man ihn sich erträumt. Spannend von Anbeginn, leicht und locker geschrieben und zu lesen. Selbst der literarisch verwöhnte Leser kommt, was Stil und Sprache betrifft, wie gewohnt, voll auf seine Kosten.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, gab es das Buch in der Kindle-Version umsonst. Also habe ich zugegriffen.

Allerdings hielt die Freude über das vermeintliche Schnäppchen nicht lange und so werde ich nie herausfinden, was es mit den Möpsen auf sich hat. Mit einem Kommissar, der am Tatort gestörten Auren nachspürt, kann ich mich noch arrangieren. Schließlich habe ich auch mit Dr. Siri und seinen zum Teil sehr ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden viel Spaß gehabt. Aber dieser Simarek ist, mit Verlaub, ein Simpel. Überlegungen wie:

… aber was hatte sie zu dieser frühen Stunde in der Landesoper zu suchen? „Sie gehört zum Ensemble“, hatte der Streifenpolizist gesagt. Aber schlafen Künstler nicht morgens aus? Er beschloss, sie danach zu fragen.

passen vielleicht zu einem Oberstudienrat mit geheimer Neigung zur Boheme. Ein gestandener Ermittler hätte sich automatisch gefragt, warum die Zeugin um diese Zeit am Tatort gewesen war. Künstlerin hin oder her. Dementsprechend hätte er auch nicht erst beschließen müssen, diese Frage zu stellen, sondern hätte es automatisch getan. Weil es zu seinem Beruf gehört, solche Fragen zu stellen.

Genauso, wie der Kommissar, ging mir leider auch die Sprache auf die Nerven. Unter leicht und locker geschrieben, verstehe ich etwas anderes. Ich empfinde die Sprache als sehr einfach und den Stil hölzern und unbeholfen.
Das fängt mit solchen Kleinigkeiten an, wie dem fehlenden Konjunktiv bei der Frage, ob Künstler morgens ausschlafen.
Es setzt sich damit fort, dass der Streifenpolizist auf den sich der Kommissar gedanklich bezieht, ganz am Anfang noch einen Namen hatte. Danach ist er nur noch „der Streifenpolizist.“ Diese Reduktion auf seine Funktion zeigt eine Distanz, die den Kommissar innerlich kalt und desinteressiert erscheinen lässt – etwas, das der Autor absolut nicht beabsichtigt.
Vor allem aber traut der Autor anscheinend dem Erinnerungsvermögen seiner Leser nicht. Das zeigt sich z. B. an der fast penetranten Wiederholung, dass Simarek die Gabe hat, Dinge zu erspüren, die er nur schwer in Worte fassen kann. Es zeigt sich, als der Gerichtsmediziner als jemand eingeführt wird, der besonders penibel ist und alles findet, was zu finden ist – was der Kommissar ihm kurz darauf im Dialog bestätigt, während der Gerichtsmediziner auf das Gefühl des Kommissars hinweist. Allerdings muss ich zugestehen, dass dieser Dialog vermutlich witzig gemeint ist (auch wenn der Humor bei mir nicht gezündet hat) und deshalb nur begrenzt Aussagekraft besitzt.
Bestimmt nicht witzig gemeint ist aber, dass der Autor gerade mal drei Seiten nach folgendem Dialog:

„Wer hat ihn abgehängt?“
„Marilena Kurth, gehört hier zum Ensemble. Sie hat ihn gefunden …

diese Erklärung für nötig hält:

Ein erstes Gespräch mit Marilena Kurth stand nun auf seinem Plan. Sie hatte den Toten gefunden.

Das war ungefähr auf Seite 13 des eBooks. Gegen die Zahl habe ich grundsätzlich nichts, aber an diesem Punkt hat es mir gereicht. Wiederholungen haben durchaus ihre Berechtigung – wenn sie geschickt eingesetzt werden. Als Refrain, in einer Fuge oder als running gag z.B. oder auch in Filmen, wie Lola rennt und Täglich grüßt das Murmeltier.
Aber wenn sie, wie hier, eingesetzt werden, um dem Leser irgendetwas einzuhämmern …

Nein, danke! Nicht mein Fall, nicht mein Buch.

Lesetipp: Ersticktes Matt

Selten habe ich solche Schwierigkeiten gehabt, einen Einleitungssatz für eine Rezension zu schreiben. Klar könnte ich damit einsteigen, dass ich gestehe, Nina über Twitter zu kennen, und dass wir beide Mitglied der BartBroAuthors sind. Genauso gut könnte ich darüber einsteigen, dass dieses Buch geeignet ist, sämtliche Vorurteile gegenüber Selfpublishern ein für alle Mal zu widerlegen.

Aber das wäre ziemlich blöd, denn das würde nur von der Hauptsache ablenken, nämlich dass Ersticktes Matt ein tolles Buch ist.

Kein Schachbuch ist, auch wenn der Titel und der Umschlag es vielleicht suggerieren. Jedenfalls hat Sohn 2 es sofort als Schachbuch identifiziert und völlig entgeistert gefragt, seit wann ich denn so was lese und mein Mann hat unverzüglich die Definition nachgereicht. Trotzdem halte ich es für ausgeschlossen, dass derartige Verwechslungen häufiger auftreten. Dieser Haushalt verfügt nur zufällig über mehrere Schachspiele und regalmeterweise Schachliteratur.
Aber ich schweife ab. Schließlich wollte ich keine Familienanekdoten zum Besten geben.

Ersticktes Matt ist ein Krimi. Er spielt 1893 in New York – allerdings in einer anderen Realität, in der es keine Elektrizität gibt, sondern Dampfenergie den einzigen Antrieb darstellt. Sie treibt die phantastischsten Maschinen an – aber die Menschheit zahlt auch einen hohen Preis für den daraus resultierenden Energiehunger: eine drastische Klimaveränderung, die den Meeresspiegel weltweit ansteigen ließ und Millionen von Menschen zu Flüchtlingen machte. Etliche kamen in die USA, doch die meisten von ihnen blieben in den Floodlands hängen, einem auf Pfählen gebauten Armutsviertel mitten im East River.
Verbrechen, wie Raub und Vergewaltigung gehören hier schon beinahe zum Alltag, aber seit einiger Zeit geht zudem ein Mörder um. Seine Opfer sind Frauen, die er mit einem seidenen Tuch erdrosselt. Und an jedem Tatort lässt er eine Schachfigur zurück.
Für Remy Lafayette, Gesichtsanalytiker und Berater beim New York Floodlands Police Department, wird die Jagd zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, als seine ehemalige Verlobte in den Sog der Ereignisse gerät.

Stilistisch ist Floodlands eher Who-dunnit als Thriller. Nina Hasse verzichtet auf reißerische Szenen und exzessive Gewaltdarstellungen, obwohl es einige sehr actionreiche Momente gibt. Inklusive einem sehr spannenden Showdown.

Aber was diesen Krimi so großartig macht, ist nicht die Action. Es ist auch nicht nur die bis ins Detail liebevoll ausgearbeitete Welt, bei der Nina Hasse ebenfalls auf jede Effekthascherei verzichtet. Ihre Beschreibungen sind beinahe beiläufig und vermitteln dadurch, dass sich die Figuren so selbstverständlich durch diese Welt bewegen, dass sie echt ist.
Ich habe mich beim Setting ein bisschen an die Flüsse von London erinnert gefühlt. Nur dass es bei Nina Hasse keine Geister gibt. Und selbstverständlich hat der East River bei ihr auch nicht mehr Eigenleben, als jeder normale Fluss.
Dafür sind die menschlichen Charaktere bei Floodlands interessanter. Was Nina Hasse da aufbietet, lässt sich vielleicht noch mit Jasper Fforde vergleichen. Vielleicht hätte auch Dickens solche Menschen erschaffen, wenn er heute noch leben und Steampunk-Krimis schreiben würde. Einen kleinen Überblick über die Hauptcharaktere gibt es hier. Aber aus den knappen Angaben lässt sich allenfalls erahnen, wie die Figuren handeln und interagieren. Mit ihnen habe ich großartige komische und herzzerreißend traurige Momente erlebt, habe Tränen gelacht und aus verschiedenen Gründen geheult.
Wie sie habe ich versucht, zu erraten, wer hinter den Morden steckt und bin ein kleines bisschen stolz, etwas eher als sie auf eine der Symboliken gekommen zu sein, wobei ich auch gestehen muss, die falsche Person in Verdacht gehabt zu haben. Dabei war die Lösung des Falls vollkommen einleuchtend.

Ich könnte jetzt noch etwas über Perspektiven und Sprache erzählen, aber wozu? Ich glaube, das Wesentliche ist rübergekommen.

Ich habe die Charaktere lieb gewonnen habe (jedenfalls die meisten) hoffe sehr auf ein Wiedersehen und neue Abenteuer. Bis dahin werde ich das Buch, in dem ich mich trotz aller Kälte sehr zuhause gefühlt habe, sicher noch ein paar Mal lesen und allen mit der Forderung auf die Nerven gehen, dass sie es unbedingt auch lesen müssen.


Nina Hasse, Ersticktes Matt, Kindle ebook

Ausgelesen: Krimi – das Magazin

Heute mal keine Rezension zu einem Buch, sondern zu einer Zeitschrift, die genau ein Thema hat, nämlich den Krimi in all seinen Facetten. Ich habe das Magazin zufällig im Supermarkt entdeckt und natürlich neugierig geworden. Eine Zeitschrift, die sich nur mit Krimis beschäftigt – für mich als Krimiautorin natürlich das gefundene Fressen.

Beim Blick auf das Editorial kam allerdings Skepsis auf. Eine halbe Seite in 13 Punkt-Schrift und mit viel Whitespace. Das klingt nicht so, als habe man viel zu sagen, sondern eher als ginge es darum, den Platz irgendwie zu füllen. Auch das übrige Design geht an meinem Geschmack vorbei: News in der Form von Zeitungsausschnitten (jeweils ein Promo-Foto mit Text) ausgebreitet auf einem Pseudo-Holzuntergrund. Das hat was von Abizeitung. Weiter hinten: Viele Hochglanzbilder: aus Filmen und Fernsehserien sowie Verlagsfotos von Büchern und Spielen. Als Ergänzung einige Stockfotos. Das einzige, was als journalistisch durchgehen könnte, sind die Porträts von Donna Leon. Das ließ mich dann doch am Gehalt des Ganzen zweifeln.

Aber man soll Dinge nicht nur nach dem Äußeren beurteilen. Inhaltlich bot die Zeitschrift tatsächlich eine Menge interessanter Themen, angefangen bei einem Rückblick auf die Criminale über Portraits von Donna Leon und Michael Tsokos, die Besprechung verschiedener Serien, Filmen, Spielen und natürlich Büchern.
Beim Lesen kam dann allerdings schnell die Ernüchterung: Wirklich journalistisch aufgearbeitet wirkten nur die Portraits von Leon und Tsokos. Auch der Artikel über Jerry Cotton war noch ganz hübsch und lässt vermuten, dass der Autor sogar die eine oder andere Folge gelesen haben könnte. Ansonsten wirken die Artikel wie eine Mischung aus Werbematerial und  Wikipedia. Ganz besonders enttäuscht das groß angekündigte FBI-Spezial, das sich liest, als sei es vom Pressesprecher des FBI persönlich verfasst.
Das Gleiche gilt für die Buchbesprechungen. Jedes Buch ist gut, nichts hat enttäuscht. Nun kann es natürlich sein, dass nur gute Bücher vorgestellt werden sollen. In Verbindung mit den Verlagsfotos entstand für mich aber der Eindruck, dass die Bücher nicht gelesen, sondern nur die Texte aus den Verlagsvorschauen neu formuliert wurden.
Selbst der Bericht über die Criminale machte den Eindruck, vorwiegend mit Hilfe von Wikipedia geschrieben worden zu sein. Nur über den Ehrenglauser für Jürgen Kehrer wurde ausführlicher berichtet, alle übrigen Preisträger in jeweils einem Satz abgehandelt (Name, Buchtitel, Verlag). so dass bei mir der Eindruck entstand, dass mit der Würdigung Kehrers in erster Linie der Werbung für die nächste Staffel Wilsberg gemacht werden sollte.

Mein Fazit: Die Zeitschrift wirkt auf mich wie ein Werbeblock; der Preis von 4,99 € vollkommen überzogen. Trotzdem werde ich vermutlich auch beim nächsten Mal wieder reingucken. Immerhin habe ich das erste Mal hineingesehen. Nicht auszuschließen also, dass die nächste Ausgabe besser wird. Es wäre zu hoffen.


Krimi – Das Magazin erscheint 6x jährlich im Panini Verlag, Stuttgart

Hörempfehlung: Kommissar Maigret auf Bayern2

Statt eines Lesetipps gibt es heute eine Hörempfehlung: Der Bayerische Rundfunk hat auf Bayern2 einen kleinen aber feinen Beitrag über Georges Simenon und seinen Kommissar Maigret gesendet – und anschließend in die Mediathek gestellt.

Klicken, zurücklehnen, anhören. 20 Minuten, die sich lohnen.

Ausgelesen: Die letzten Tage des Condor

Wer kennt ihn noch: Ronald Malcolm, den Helden aus „die sechs Tage des Condor“? Er ist wieder da und wieder hat er eigentlich einen ruhigen Schreibtischjob. Die Jahre dazwischen waren allerdings ein bisschen aufregender und haben ihn schließlich in ein Irrenhaus der CIA gebracht. Jetzt kontrolliert die Homeland Security, ob er auch brav und regelmäßig seine Medikamente nimmt.

Ohne zu viel zu spoilern: Tut er nicht und das ist auch gut so. Denn als einer der Homeland Security Agents in seiner Wohnung ermordet wird, muss Ronald Malcolm alias Vin alias Condor wieder alle Kräfte zusammennehmen, um zu entkommen. Seine Verfolger sind hervorragend augerüstet und gehen im wahrsten Wortsinn über Leichen. Wer sie sind, bleibt genretypisch bis zum Ende offen.

Das ist schon sehr spannend, aber was diesen Thriller besonders macht, ist die Sprache. Grady erzählt über weite Strecken in erlebter Rede; einer Technik, bei der Beschreibung, Reflektion und Assoziation ineinander fließen. Das ist nicht immer leicht verständlich und gerade am Anfang irritierend, aber wenn man sich daran gewöhnt hat, kommt man den Figuren unglaublich nahe und die Geschichte gewinnt zusätzliche Dynamik. Mir hat es, nach anfänglichen Schwierigkeiten richtig Spaß gebracht.

Man muss die sechs Tage des Condor nicht gelesen haben, um diese Geschichte zu verstehen. Aber es wäre eine gute Gelegenheit, das Buch noch mal vorzuholen. Oder sich die Verfilmung mit Robert Redford noch einmal anzusehen (in der es nur noch drei Tage sind).


James Grady, Die letzten Tage des Condor, Suhrkamp Taschenbuch 2016, ISBN-13: 978-3518466858

ausgelesen: Neunundneunzig Namen

99namenEs ist die Art von Katastrophe, die alle Großstädte fürchten, seit am 25. Februar 2009 die Maschine El-Al-Flug 1862 beim Anflug auf den Flughafen Schiphol abstürzte und direkt neben einem Wohngebiet in einen Acker krachte. Nur dass dieser Absturz nicht so glimpflich ausgeht. Die vollbesetzte Passagiermaschine stürzt ausgerechnet über Frankfurt-Sachsenhausen ab, einem bei Touristen wie Einheimischen beliebten Ausflugsziel. Zum Zeitpunkt des Absturzes sind die Lokale und Cafés voll. Über tausend Menschen sterben. Ein schreckliches Unglück.

Falls es ein Unglück war. Schon bald wird bekannt, dass sich während des Absturzes ein Unbefugter im Cockpit aufgehalten und „Allahu Akbar“ gerufen hat. Unmittelbar danach riss der Funkkontakt zum Tower ab.
Wer die Medien nur ein bisschen verfolgt, ahnt die hektische Berichterstattung der Medien, die Politikerreden, die Expertenrunden. Alle sind sich einig: Wer Allahu-Akbar ruft, kann nur Terrorist sein. Die islamische Bedrohung hat Deutschland erreicht. Wer etwas anderes sagt, ist entweder ein ahnungsloser Gutmensch oder islamistischer Heuchler. Aber wer hat Recht?

Jens Michael Volckmann hat die Geschichte als Collage verschiedener Zeitebenen und Perspektiven angelegt. Er spielt dabei geschickt mit der Erwartungshaltung des Lesers, so dass dieser lange im Zweifel bleibt, was sich nun tatsächlich zugetragen hat.
Diese Erzählweise erinnert mich an die von Minette Walters, z. B. in „Der Nachbar“ oder „Dunkle Kammern“, beides Bücher, die ich sehr schätze. Bei Volckmann sind die Sympathieträger nicht so eindeutig, wie bei Walters. Man ist sich bis zum Schluss nie sicher, ob man nicht dem Falschen vertraut und ob nicht vielleicht doch alles ganz anders war. Dadurch bleibt das Buch bis zum letzten Moment spannend.
Was mir auch sehr gut gefallen hat, ist die sprachliche Präzision bei der Beschreibung der Figuren. Volckmanns Bilder sind knapp, Äußerlichkeiten werden nur so weit behandelt, wie es unbedingt notwendig ist. Seine Figuren charakterisieren sich selber durch ihre Aussagen und ihre Sprache. Ihr Tonfall wirkt zum Teil erschreckend echt.

Wenn ich etwas bemängeln soll, würde ich zwei Kleinigkeiten nennen, die aber wenig mit dem Inhalt selbst zu tun haben.
Das Erste ist, dass nur eine Schrifttype verwendet wurde. M. E. würde es der Lesbarkeit gut tun, wenn man die Wechsel der Zeiten und Perspektiven nicht nur durch die Überschriften kenntlich macht, sondern durch die Verwendung verschiedener Schrifttypen zusätzlich betont. Auch den „Leserkommentare“ würde es gut tun, wenn für den Namen eine andere Schrifttype gewählt würde, als für den Kommentar selbst.
Der zweite Punkt betrifft den Klappentext. Dazu hat schon einer der Rezensenten bei Amazon geschrieben, dass der viel zu viel verrät. Das möchte ich gerne unterschreiben.

Bis auf diese Details ist Neunundneunzig Namen ein wirklich tolles Buch, das ich uneingeschränkt empfehle.


Jens Michael Volckmann, Neunundneunzig Namen, (Kindle Single) Kindle Edition, ca. 46 Seiten, 0,99€

Ausgelesen: Max Bronski, Sister Sox

Wilhelm Gossec betreibt einen Trödelladen im Münchner Schlachthofviertel. Früher hieß er Gossecs Trödel.  Jetzt firmiert er unter Antiquitäten Gossec, denn

in einer gediegenen Stadt wie München verkaufen sich gebrauchte Stücke nur noch, wenn es sich um Antikschätze handelt.

Trotz des hochtrabenden Namens ist das, was Gossec verkauft, vorwiegend Ramsch, den er bei kostenlosen Haushaltsauflösungen abstaubt. Er selbst entspricht auch nicht unbedingt dem Bild des gediegenen Antiquitätenhändlers, sondern eher dem Idealtypus des grantelnden Münchners. Nach außen garstig, nach innen herzensgut.

Dieser zweite Charakterzug kommt zum Tragen, als seine Nenn-Nichte Pia verschwindet. Auf der Suche nach ihr stolpert Gossec über eine Leiche, macht sich den zuständigen Kommissar zum Feind, legt sich mit dem organisierten Verbrechen an, provoziert einen Bandenkrieg, spendet als falscher Mönch eine letzte Ölung, reißt Zäune ein und schlägt mit allem um sich, was ihm in die Hände fällt. Zum Glück hat er die Kalaschnikow gerade noch rechtzeitig bei seinem Freund Hinnerk abgeladen. Man sieht an dieser kurzen und keinesfalls vollständigen Aufzählung: In dem Buch ist ordentlich was los.
Dank Gossecs Gegrantel liest sich das sehr unterhaltsam. Eine rasante, rabenschwarze Komödie, deren Ende mich allerdings nicht ganz überzeugt hat. Mir war es zu nett, zu einfach, zu reibungslos. Aber das ist vielleicht Geschmackssache.

Den Namen Max Bronski werde ich mir auf jeden Fall merken, um auch das nächste Buch von ihm zu lesen, das mir über den Weg läuft. Aktuell steht allerdings Error von Neal Stephenson ganz oben auf meiner Leseliste.


Max Bronski, Sister Sox, Verlag Antje Kunstmann, München 2006
ISBN 978-3-88897-631-5

Ausgelesen: Märchen mit Zündhölzern

„Märchen mit Zündhölzern“ von Volker Kutscher handelt von der obdachlosen Hannah, die im bitterkalten Winter 1931 Zündhölzer verkauft, um sich und ihren Vater über Wasser zu halten. Am Silvesterabend ergreift sie radikale Maßnahmen, um ihr Leben zu ändern.
Die Parallelen zu „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen sind unschwer zu erkennen. Gleichzeitig will Kutscher es auch als Hommage an Erich Kästner verstanden wissen.

In jedem Fall ist es eine sehr eigenständige Geschichte, die ein Schlaglicht auf die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in der Weimarer Republik wirft. Kutscher schreibt im Präsenz und ohne Pathos, was diese Geschiche noch eindringlicher macht.

Märchen mit Zündhölzern ist derzeit als kostenloses eBook u. a. bei Hugendubel und Thalia erhältlich.


Volker Kutscher, Märchen mit Zündhölzern, Kiepenheuer & Witsch eBook, 18 Seiten, ISBN (eBook) 978-462-31635 -3

April Challenge (Tag 8): Mein Lieblingsmärchen

„Fave Fairy Tale“ lautet die Tagesaufgabe der #aprilcampwritingchallenge und natürlich sind mir als erstes die klassischen Grimm’schen Märchen eingefallen. Aber so richtig begeistert mich davon keines. Sie sind ohnehin schon recht brav und seitdem sich Disney ihrer bemächtigt hat, so sehr mit Zucker überkrustet, dass es schon eine Spitzhacke braucht, um zu ihrem eigentlichen Charakter vorzudringen.
Bei den irischen und afrikanischen drängt sich auf Anhieb nichts auf und die klassischen Sagen handeln (genau wie die Edda) hauptsächlich von Männern, die irgendwelche Heldentaten erledigen, indem sie etwas abschlachten – bzw. irgendwelche strunzdummen Dinge tun, die unweigerlich auch in einem Blutbad enden.

Dann fiel mir ein Märchen ein, das ich aber erst nicht zuordnen konnte. Es spielt im Orient, aber ich war mir ziemlich sicher, es nicht in den Geschichten aus tausendundeiner Nacht gelesen zu haben. Also habe ich es gegoogelt. Es stammt aus den „Märchen aus Malula“* von Rafik Schami und trägt vermutlich den Titel „Das stille Wasser“ (leider habe ich keine Webseite gefunden, die eine Überschrift UND eine Zusammenfassung/Leseprobe enthielt). 

Das stille Wasser

Das Märchen handelt von einem unglaublich klugen Sultan, der eines Tages auf die Frage verfällt, was das Wasser beim Kochen murmelt. Weil niemand in seinem Umfeld – nicht einmal sein fast gleichsam kluger Wesir – diese Frage beantworten kann, verspricht er eine reiche Belohnung und natürlich findet sich schließlich jemand, der eine Antwort weiß: Eine junge und überaus kluge Frau.
Der Sultan ist entzückt von der Lösung und heiratet sie.
Ein Grimm’sches Märchen wäre hier zuende, das von Schami fängt hier gerade an. Statt die Ehe zu vollziehen, legt der Sultan in der Hochzeitsnacht ein Schwert zwischen sich und seine junge Frau und schläft ein, ohne sie auch nur berührt zu haben. Am nächsten Morgen schenkt er ihr eine Perlenkette mit der Aufgabe, sie dem gemeinsamen Sohn umzuhängen und eine versiegelte Schachtel mit Goldstücken und sagt, die Goldstücke dürfe sie behalten, wenn es ihr gelänge, die Schachtel zu öffnen, ohne sie zu zerstören oder das Siegel aufzubrechen. Wenn sie das tue, müsse sie sterben. Einmal im Jahr solle sich sein Wesir vom Zustand der Schachtel überzeugen. Dann reist er ab und lässt sie alleine zurück.
Zwanzig Jahre später verliebt sich die Tochter des Wesirs in einen jungen Gewürzhändler und drei Mal dürft ihr raten, wie das zusammenhängt und wie die Geschichte ausgeht. Aber wie es dazu kommt, verrate ich natürlich genauso wenig, wie den genauen Ausgang.

Was ich an diesem Märchen liebe, sind seine Wendungen und der Witz, mit dem es erzählt wird, vor allem aber die hinter allem stehende Raffinesse. Es gibt keine Götter, keine mythischen Monster und keine zufällig im richtigen Moment vorbeikommenden Jäger/Prinzen/whatsoever, sondern „nur“ zwei Menschen mit unterschiedlichen Zielen.

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Rafik Schami, Märchen aus Malula, dtv 1990 (ISBN 13: 978-3423112192)