Lektoren, Leser, Lorbeeren

Unter dieser Rubrik gibt es Artikel rund um den Buchmarkt.

kräftiges Minus bei Bastei-Lübbe

Erinnert ihr euch noch an den Artikel über mögliche Bilanztricksereien bei Bastei-Lübbe?

Nun meldet der Vorstand, die Prüfer von KPMG hätten das Bilanzergebnis „überraschend“ nach unten korrigiert. Um 13 – 15 Millionen, heißt es im Börsenblatt des Buchhandels.

Mich überrascht das nicht. Aber immerhin spricht niemand von Peanuts.

Ebbe in der Kasse von Bastei-Lübbe?

Bastei-Lübbe hat zur Zeit keine gute Presse. Der Buchreport meldete heute Zweifel an der Bilanz von Bastei-Lübbe an und berief sich auf einen gestern erschienenen Artikel der Wirtschaftswoche. Demnach, so der Vorwurf, seien die ausgewiesenen Gewinne lediglich das Ergebnis besonders kreativer Buchführung. So seien z. B. Kaufpreiszahlungen zurückgehalten worden, um den Aktienkurs nicht zu gefährden.

Wie zu erwarten wurden diese Behauptungen vom Vorstand sofort zurückgewiesen. Sämtliche Bilanzierungsmaßnahmen entsprächen internationalen Regelungen und das Unternehmen sei hervorragend aufgestellt.*

Nun kenne ich weder den ursprünglichen Artikel in der Wirtschaftswoche, noch die Bilanz von Bastei-Lübbe (mit der ich auch nichts anfangen könnte). Aber ich erinnere mich an ein Interview, das Klaus Kluge, eines der Vorstandsmitglieder von Bastei-Lübbe vor ein paar Wochen dem Deutschlandfunk gegeben hat. Darin forderte Kluge, Bücher müssten wesentlich teurer werden, denn:

„Die Buchpreise haben sich nicht der allgemeinen Preisentwicklung angepasst.“

Ein Buch koste heute im Vergleich weniger, als vor der Einführung des Euro und da für den Kunden der Preis zweitrangig sei, weil er Bücher vorwiegend wegen der emotionalen Bindung an den Autor kaufe, müssten höhere Preise her, damit Autoren und Buchhandel besser über die Runden kämen.
Ganz uneigennützig also.
Wenn man aber weiß, was vom Nettoverkaufspreis beim Autor hängen bleibt und wie viel der Buchhandel erhält, kann man Zweifel an diesem laut geäußerten Altruismus bekommen. Die Artikel im Buchreport und der Wirtschaftswoche geben diesen Zweifeln neue Nahrung.


*zu dieser Stellungnahme gibt es hier einen Artikel der Wirtschaftswoche

Lovelybooks öffnet sich für Selfpublisher

Beinahe lautlos hat sich bei Lovelybooks eine kleine Revolution ereignet: Man kann sich dort jetzt auch ohne eigenständige Verlagsveröffentlichung als Autor registrieren:

Seit heute trage ich den Status als Selfpublisher bei Lovelybooks. Gekennzeichnet wird dies durch ein kleines Buch-Symbol im Profilbild. Warum dies eine Meldung wert ist? Dieses kleine Symbol erkennt die Leistung der Selfpublisher als Autoren an. Lovelybooks ist mit diesem Schritt in die richtige Richtung gegangen. Schon lange kämpfen Selfpublisher gegen das Vorurteil an, im Vergleich […]

über Kleines Symbol mit großer Wirkung? — Bianca Fuchs

Verfluchter Segen Social Media Marketing

Interessanter Blogbeitrag darüber, wie man als Autor Social-Media-Kanäle so nutzt, dass es nicht zur Last wird.

GETEILTES BLUT

Ich kenne kaum einen Schriftsteller, den die Möglichkeiten zu Kommunikation und Marketing, die Social Media uns bieten, nicht begeistern.

Social MediaDer unmittelbare Austausch mit den Lesern, die einfachen und kostengünstigen Möglichkeiten, auch spitze Zielgruppen zu erreichen, die Unabhängigkeit von teuren und von vielen nicht umsetzbaren Print-Kampagnen und vor allem die Spontanität und Direktheit in den sozialen Netzwerken – wer will darauf noch verzichten?

Trotzdem hört man immer wieder, dass Schriftsteller ihre Social Media zwischenzeitlich als überwältigend, anstrengend, einfach zu viel empfinden. Nach und nach nimmt die Betreuung der Accounts Schreibzeit weg, die wir eigentlich dringend brauchen, um mit dem nächsten Projekt voran zu kommen.

Dilemma? Eigentlich nicht, wenn man sich einen Plan macht, an den man sich zumindest die meiste Zeit hält. Diese vier Punkte versuche ich zu berücksichtigen, wenn ich meine Zeit zwischen Schreiben und Social Media einteile:

  1. Habe ich wirklich etwas zu sagen bzw. gibt es wirklich Kommentare oder…

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Selfpublishing und der Untergang des Abendlandes

Gestern las ich bei literaturcafe.de einen Artikel von Wolfgang Tischer darüber, wie Selfpublishing den Buchmarkt verändert (hat). Genau besehen beschäftigt er sich aber hauptsächlich mit dem eBookmarkt. Das BoD-Segment wird beinahe vollständig ausgeblendet.

Die Thesen

  • Keinen Verlag zu haben, ist kein Makel mehr.
  • Der eBook-Sektor ist in erster Linie ein Markt für Minderwertiges. Die angebotenen Werke sind reine Unterhaltung und bewegen sich im Wesentlichen auf dem Niveau von Heftromanen und hätten auf dem „normalen“ Buchmarkt keine Chancen. Unerwartetes und Neues findet sich ausschließlich bei den Verlagen.
  • Der eBook-Markt führt zu Raubbau an Preisen und Formaten. Gerade der Taschenbuchbereich gerät durch Selfpublisher massiv unter Druck. Außerdem ruiniert die Preisgestaltung selbstverlegter eBooks die Preispolitik der Verlage im eBookbereich.
  • Schon die Möglichkeit des Selfpublishings hat Autoren selbstbewusster gemacht. Verlage müssen sich mehr anstrengen, ihre Autoren zu halten.
  • Selfpublishing kann als Talentschmiede verstanden werden, da Autoren mit hohen Verkaufszahlen von Verlagen „eingekauft“, d. h. ins Verlagsprogramm aufgenommen und ihre Bücher als Print in die Buchhandlungen gebracht werden.
  • Andererseits bildet sich bei einigen Verlagen ein neues „Autorenprekariat“ derer, die von ihren Einnahmen nicht leben können und jede Verlagsleistung mit einer Verschlechterung der Konditionen bezahlen.
  • Die Verlage degradieren sich, wenn selbst „seriöse Häuser“ durch Imprints mit Billig-Konditionen und quasi-kaufbare Verlagsdienstleistungen versuchen, „ihr Buchniveau nach unten anzupassen, um Leser vom Self-Publishing-Markt abzugreifen.“
  • Das Marketing im Selfpublishingbereich funktioniert in erster Linie über hohe  Lesernähe. Die Kehrseite dieser Fanbase ist ein gesteigerter Erfolgsdruck, der zu schludrigen Texten bis hin zum Abschreiben führt.

Fazit des Artikels

Das Abendland geht zwar nicht unter, aber das Verhältnis von Selfpublishing zum Verlagsprogramm ist sowas, wie der Billigheimer zum Luxuskaufhaus.

Mein Senf dazu

Natürlich habe ich diese Zusammenfassung nicht als Selbstzweck geschrieben, sondern weil mich der Artikel aus mehreren Gründen betrifft. Ich beobachte den eBookmarkt aus zwei Perspektiven: Dem der Autorin, die ihre Bücher veröffentlicht haben will und dem der Leserin.

Meine Meinung als Leserin

Als Leserin kann ich vielen der Thesen zustimmen. Auch ich finde viele der angebotenen eBooktitel einfach grottig. Sei es, weil der zugrundeliegende Plot dümmlich ist, die Sprache sich auf dem Niveau eines mittelmäßigen Deutschaufsatzes bewegt oder die Handlung inkonsistent ist. Davor ist man bei Verlagsprodukten in der Regel besser gefeit – wenn es nicht gerade um den Kinder- bis All-Ager-Sektor geht.

Qualität

Aber wir reden ja von Büchern für Erwachsene; wobei All-Ager, wie der Name sagt, eigentlich für alle Altersgruppen gedacht sind. Gerade auf diesem Sektor unterscheiden sich auch Verlagsprodukte vor allem durch ihren Umfang vom Heftroman. Für den historischen Roman gilt spätestens seit den Hebammen- und Wanderhurenromanen das Gleiche.
Nun mache ich mir wenig aus Heftromanen. Der Hauptanteil meiner Lektüre liegt trotzdem klar im Unterhaltungssektor mit Fokus auf Krimis und Fantasy. Die wenigsten Bücher lese ich mehrfach. Daher ist für mich die Erfindung des eBooks trotz anfänglicher Zweifel inzwischen eine grandiose Sache, um die Vermehrung meiner Bücher in Grenzen zu halten. Volle Buchregale sind zwar schön anzusehen, aber irgendwann zu viele Bücher schaffen auf Dauer jedes Billy.
Den Platz im Regal hätte ich daher lieber für Kunstbände und Bücher, in denen es auch beim wiederholten Lesen noch Neues zu entdecken gilt. Für alles andere reicht die eBook-Version. Auch unter Qualitätsaspekten empfinde ich aber oft den Preis für ein selbst veröffentlichtes eBook angemessener als den des Verlagsprodukts.
Ich glaube i. ü. nicht, dass die mangelnde Qualität der selbst veröffentlichten eBooks eine Folge des Formats ist, d. h. ich vermute, dass sie bei selbst produzierten Prints ähnlich ist. Aber gerade weil selbst produzierte Prints nur ausnahmsweise in den Handel gelangen, ist ihre Sichtbarkeit gegenüber eBooks deutlich reduziert, so dass der Eindruck entstehen kann, im eBook-Sektor entstünde gehäuft Mist.

Preisgestaltung

Wie schon gesagt, finde ich die Preisgestaltung der Verlage bei eBooks fragwürdig. Ganz besonders gilt das im Vergleich zu den Druckausgaben. Ich kann mich noch an erinnern, in denen ein Taschenbuch maximal 9,90 DM kosten durfte (ja, damals, 1896 in Klondyke …). Dann machten die Verlage klar, dass die Preise steigen müssten, weil sonst Druck, Distribution usw. nicht mehr zu finanzieren seien und inzwischen hat sich der Preis bei etwa 10,- € eingependelt. Mit dem Argument der gestiegenen Produktionskosten, wohlgemerkt.
Gerade die sind beim eBook aber nahe Null; das macht seine Attraktivität bei Selbstveröffentlichungen aus. Man nimmt eine Datei, konvertiert sie ins ePub- (Tolino) oder Mobi-Format (KSP) und läd das Ergebnis bei den Plattformen hoch. Ganz Gewissenhafte prüfen danach noch, ob alle Absätze richtig gesetzt sind und keine Umbrüche entstehen, wo keine sein sollen. Aber man braucht keinen Setzer, keine Druckerei, keine Poststelle. Anders gesagt: Sämtliche Posten, mit denen die Preissteigerung von Taschenbüchern gerechtfertigt wurden, fallen weg. Trotzdem bewegen sich die Preise für Verlagsausgaben von eBooks im Schnitt nur 2,- € unter dem der Druckausgaben – oft genug sogar an denen der Hartcover.
Da fühle ich mich als Kundin zu deutsch gesagt verarscht. Deshalb kaufe ich auch lieber 4 mittelmäßige eBooks von unabhängigen Autoren, als ein mittelmäßiges von einem Verlag.
Wenn ich – z. B. über die Onleihe – auf außergewöhnliche Bücher stoße, kaufe ich mir auch gerne die teure Printausgabe. So zuletzt geschehen bei „Musik der Stille.“

Meine Meinung als Autorin

Als jemand, der auf zwei unveröffentlichten Manuskripten sitzt und vorhat, mehr zu schreiben, finde ich die Entwicklung in erster Linie positiv. Realistisch betrachtet sind meine Chancen bei einem renommierten Verlag unter Vertrag genommen zu werden nicht wesentlich höher, als die, bei der täglichen Hunderunde einen Hundert-Euro-Schein zu finden.
Selfpublishing gibt mir die Möglichkeit, trotzdem Leser zu finden. Dass das jetzt auch möglich ist, ohne den eigenen Ruf zu ruinieren, ist für mich doppelt erfreulich.
Den Gefahren eines „Autorenprekariats“ sehe ich dabei eher gelassen entgegen. Die kritisierten Inprints und eBook-only Ausgliederungen der Verlage bieten die gleichen Leistungen, wie klassische BoD-Anbieter. Interessant ist eher, dass Wolfgang Tischer deren Praktiken nicht zu missbilligen scheint, obwohl die Situation dort für Autoren vermutlich ähnlich ist. Mir stellt sich unwillkürlich die Frage, ob das an der geringeren Sichtbarkeit der selbst publizierenden Print-Autoren liegt.
Die gleiche Skepsis gilt für die Gefahr der Abhängigkeit von der Gunst eines wie auch immer gearteten Publikums und den daraus resultierenden Erfolgsdruck. Zum Einen glaube nicht, dass der Erfolgsdruck für Verlagsautoren geringer ist, zumal der Artikel selbst konstatiert, dass auch Verlagsautoren sich mehr um Publikumsbindung kümmern müssen. Zum Anderen sehe ich auch keine Kausalität zwischen Selfpublishing und Plagiat. Vermutlich sind Plagiate so alt, wie die Menschheit; nachweisbar hat sich jedenfalls schon Shakespeare bei den Stücken seiner Zeitgenossen bedient. Deshalb wäre es ein Wunder, wenn ausgerechnet Selfpublisher davor gefeit wären.

Schlusswort

Differenzen wollen begründet sein. Deshalb habe ich viel dazu geschrieben, worin ich NICHT mit dem Artikel übereinstimme, auch wenn ich tatsächlich in vielem konform gehe.

April Challenge (Tag 19) – Schreibanregung

Zugegeben: Ich selbst nutze Writing Prompts nur selten, weil es sich bei mir ja meist darum dreht, eine Geschichte logisch vom Mord zu seiner Aufklärung zu entwickeln und dabei ein paar falsche Fährten auszulegen. Wenn ich dabei mal nicht weiter weiß, hilft meist schon die Frage, was in der konkreten Situation die für den handelnden Charakter unangenehmste Entwicklung wäre. Charaktere quälen macht Spaß und ist immer wieder inspirierend.

Aber wenn du einen Startschuss oder eine Anregung brauchst, um eine Kurzgeschichte anzufangen oder eine Schreibblockade zu überwinden, versuch’s mal diesen Trick:

Nimm das unterste Buch von deinem SUB*, schlag es auf einer beliebigen Seite auf, lies den ersten Satz des ersten Absatzes und nimm ihn als Anfang deiner Geschichte.
Bei mir wäre das aktuell „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ von Michael Köhlmeier. Bei dem vorgeschlagenen Verfahren lande ich auf Seite 304 und dem Satz:

Ich bin kein Theologe, aber ich finde, in einem katholischen Land wie Liechtenstein, das von einem christlichen Fürsten nach christlichen Grundsätzen vortrefflich geführt wird, sollte auf die Ausführungen eines Kirchenmannes gehört werden.

Offensichtlich passiert aber genau das nicht. Warum nicht? Und wer ist der Kirchenmann, auf den nicht gehört wird? In welchem Verhältnis steht er zum Erzähler? Sind sie verwandt? Geschäftsfreunde? Was für Geschäfte? Krumme, flüstert meine kriminelle Muse von hinten. Sehr krumme. Damit lässt sich was anfangen, was meinst du?


*SUB = Stapel ungelesener Bücher

Werkstattberichte: Löcher

Bei der heutigen Hunderunde ist mir aufgefallen, dass ein im Roman sehr real vorhandenes Loch zu einer Lücke im Plot führt. Dieses Loch wird bisher nämlich überhaupt nicht beachtet. Eine unglaubliche Nachlässigkeit von Spurensicherung und Ermittlern. Selbst wenn man berücksichtigt, dass es zwischendurch verfüllt wurde: Es hätte auffallen müssen! Ich prangere diese Nachlässigkeit an und werde dafür sorgen, dass sich das ändert.
Also: Das Loch bleibt, bekommt aber die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt. Vermutlich wird es sogar aufgegraben. Aber welche Erkenntnisse sich daraus ableiten, verrate ich natürlich nicht.

Werkstattberichte: Wie suchst du deine Betaleser aus?

Auf Twitter hatte ich gefragt, worüber ich mal bloggen sollte und „Wie suchst du deine Betaleser aus“, war eine der ersten Fragen, die gestellt wurden.
Die einfachste Antwort wäre natürlich: Sehr sorgfältig. Aber das wäre sowohl der Fragestellerin gegenüber unfair, als auch der Bedeutung von Betalesern unangemessen.

Um es vorweg zu sagen: gute Betaleser sind Gold wert! Haltet sie euch auf jeden Fall warm.

Welche Eigenschaften sollte ein Betaleser mitbringen?

Grundsätzlich kann man natürlich jeden zum Betaleser machen, der sich dazu bereit erklärt. Ich halte das allerdings nicht für sinnvoll. Sinn hat das Ganze nur, wenn es einem hilft, sich zu verbessern und da sind für mich drei Dinge entscheidend:

  1. Zuerst einmal muss ein Betaleser etwas vom Genre verstehen, in dem ich unterwegs bin. Damit scheidet die Hälfte meiner Familie sofort aus. Meine Mutter z. B. lehnt Krimis per se ab, mein Vater liest wenn es hoch kommt ein Buch im Jahr und mein Mann ist zwar Vielleser – liest aber ausschließlich Fach- und Sachbücher.
  2. Der zweite Punkt ist deutlich schwieriger zu beschreiben. Er betrifft das persönliche Verhältnis zum Betaleser: Nichts spricht gegen Freundschaft, aber wichtiger ist gegenseitiger Respekt. Wenn man lange und intensiv an einem Text gearbeitet hat, wird man irgendwann blind für dessen Schwächen. Man liebt seine Figuren, ist hingerissen von der Handlung und übersieht Plotlöcher, in denen ganze Eisenbahnzüge verschwinden können. Dann kommt der Betaleser. Ich gehe davon aus, dass sich niemand als Betaleser anbietet, weil er dem Autor Böses will und seine Kritik möglichst sachlich äußert. Daher gibt es drei mögliche Szenarien:
    Der Betaleser sieht die Schwächen und schweigt aus Höflichkeit, weil er den Autor nicht verletzen will. Das gibt Feedbacks wie: „Ja, wirklich schönes Buch, habe mich gut unterhalten gefühlt. Wirklich sehr nett.“ Artiges Wischi-Waschi, das vielleicht das Ego streichelt, einen als Autor aber nicht voran bringt und den Text kein Stück besser macht.
    Das zweite Szenario ist genauso schlimm: Der Betaleser sagt, was ihm nicht gefallen hat und wo er Probleme sieht und das Ganze rutscht auf eine persönliche Schiene. Der Autor fühlt sich angegriffen und verteidigt sein Werk: „Hey, aber er muss sie doch innig küssen, obwohl sie 20 Minuten vorher gekotzt und danach mit einem Glas Rotwein gegurgelt hat.  Ich brauche doch eine Liebesszene, bevor er sie im nächsten Kapitel verlässt. Außerdem spielt er ihr doch nur vor, dass er sie liebt …“ Ich gestehe, dass sich mir bei manchen Kritiken auch die Stacheln hochstellen, aber ganz schlimm wird es immer, wenn noch persönliche Beziehungen mit ins Spiel kommen. Deshalb scheiden für mich auch alle die als Betaleser aus, bei denen ich von vornherein weiß, dass ich dazu neige, ihre Kritik persönlich zu nehmen. Meine Schwester ist so ein Fall. Wir mögen uns sehr, aber jede inhaltliche Uneinigkeit rutscht unweigerlich irgendwann ins persönliche ab. Das muss man sich und dem anderen nicht antun. Außerdem bringt es einen als Autor auch nicht weiter.
    Optimal ist das dritte Szenario, bei dem Autor und Betaleser mit respektvoller, professioneller Distanz auf einander reagieren. Das heißt, dass der Betaleser offen und ehrlich seine Meinung sagt und der Autor sie als wertvolle Information auffassen kann.
  3. Als drittes muss ein Betaleser sorgfältig sein. Damit meine ich weder ein Lektorat, noch ein Korrektorat, sondern Hinweise auf inhaltliche Widersprüche oder andere Unstimmigkeiten. „Meinst du wirklich, dass sich deine Kommissare noch darüber unterhalten, wie unangenehm es ist, Angehörigen die Todesnachricht zu überbringen?“, ist eine sehr berechtigte Frage. Das Gleiche gilt für: „Alex Kopfschmerztabletten – einmal drei, einmal zwei Tabletten? Gewohnheitsmäßig würde ich denken, dass man immer die gleiche Anzahl schluckt, oder?“ Aber wenn ein Testleser fragt, woher jemand weiß, „dass die von der Polizei sind“, obwohl im Satz davor steht: „Nachdem Friedensbach sie vorgestellt hatte … (Friedensbach ist KHK und in Begleitung von zwei weiteren Kripobeamten), dann glaube zumindest ich nicht, dass der Fehler bei mir liegt.

Wie findest du die richtigen Betaleser

Nachdem ich gerade so viel über wünschenswerte Fähigkeiten und Ausschlusskriterien geschrieben habe, muss ich gestehen, meine Betaleser ganz einfach zu finden: Über Versuch und Irrtum. Natürlich habe ich meine Texte zuerst allen Freunden gegeben, die bereit waren, sie zu lesen und zu kommentieren. Außerdem war ich einige Zeit in Autorenforen unterwegs und habe von da auch einige Kontakte mitgenommen. Vor allem habe ich aber das unschätzbare Glück, dass eine gute Freundin nicht nur begeisterte Krimileserin ist, sondern auch Journalistin und ebenfalls Schriftstellerin, wenn auch in einem anderen Genre. Der Austausch mit ihr ist ungemein hilfreich und ihrem Urteil vertraue ich nahezu blind. Sie ist im Ernstfall, wenn die Meinungen zu einer Szene oder Textpassage auseinander gehen, nicht nur Zünglein an der Waage, sondern ein Schwergewicht in der Waagschale. Dafür an dieser Stelle ganz herzlichen Dank, Doro (falls du es lesen solltest). Es ist immer eine Freude, mit dir zusammen zu arbeiten.
Aber es ist nicht so, dass meine Testleser ein illustrer, geschlossener Kreis wären. Wenn ich merke, dass jemand gerne möchte und das Gefühl habe, es könnte passen, dann frage ich auch.

Überarbeiten ja, aber wie?

Das Überarbeiten von Texten ist ein Dauerthema für jeden, der sich ernsthaft mit dem Schreiben beschäftigt und entsprechend viele Anleitungen dazu gibt es. Dabei scheint weitgehende Einigkeit zu bestehen, dass man einen Text vor allem kürzen muss, damit er gut wird. Dem möchte ich im Folgenden ein bisschen widersprechen:

Eine Geschichte ist kein englischer Rasen, bei dem man allen Wildwuchs ausmerzen und alle Grashalme auf die gleiche Länge trimmen muss, damit er gut aussieht. Eher ist sie ein englischer Park, mit alten Bäumen, gewundenen Wegen und vielleicht einem versteckten See – um bei den gärtnerischen Vergleichen zu bleiben. Das Idealbild eines solchen Parks ist, dass alles ganz natürlich wirkt. Dabei beruht er auf genauer Planung. Jeder Weg, jede Blickachse ist vorab geplant, Bäume sind gezielt gepflanzt oder gerodet worden, der See vermutlich eigens ausgehoben und die malerische Ruine war nie intakt, sondern wurde bereits als Ruine gebaut.
Was der Landschaftsarchitekt bei der Anlage jedoch berücksichtigt, sind die natürlichen Gegebenheiten. Er sieht sich vorher um, macht sich mit dem Gelände vertraut, überlegt, welche Landschaftsmarken erhalten und betont werden sollten, wo etwas weggenommen und wo hinzugefügt werden muss.

Ähnlich sollte man meines Erachtens auch beim Überarbeiten von Manuskripten vorgehen. Also das Ding erst Mal lesen und sich Gedanken machen, was die Kernaussagen sind, wo die Handlung ins Klischee abgleitet und ob es irgendwelche Plotlöcher oder Brüche gibt, bevor man irgendetwas ändert. Danach macht man sich an die Planung zu konkreten Änderungen.
Auch wenn man kein Freund des Plottens ist, ist es spätestens jetzt sinnvoll, sich Notizen zu den einzelnen Szenen, den darin vorkommenden Personen und Orten zu machen und diese mit einem Zeitstrahl zu verbinden. Gerade bei komplexen Handlungen vermeidet man dadurch, dass eine Person, die eben noch in Stuttgart war, plötzlich in Detroit auftaucht, oder dass ein Nebencharakter mehr (oder wichtigere) Handlungsanteile hat, als der Protagonist.

Bei mir ergibt dieser Bearbeitungsschritt in der Regel nicht, dass gekürzt werden muss, sondern die Kernaussagen durch Handlung und/oder Beschreibung verstärkt werden müssen. Ich schreibe sehr gedrängt. Ausufernde Beschreibungen und Charakterisierungen sind nicht mein Ding, so dass der erste Entwurf oft noch skizzenhaft wirkt. Da heißt es dann nicht kürzen, sondern auffüllen. Das Gleiche gilt natürlich für Plotlöcher. Auch die werden nur durch Zufügungen kleiner.
Wenn das getan ist, lasse ich das Manuskript wieder für ein paar Wochen liegen und lese es ein zweites Mal auf Stimmigkeit. Den Prozess wiederhole ich so lange, bis ich im Wesentlichen zufrieden bin. Erst dann geht es an Details, wie das Kürzen von Bandwurmsätzen und das Ausrotten nichtssagender Adjektive.

Wie wäre es mit einem Serientäter?

In meinem nächsten Roman werden sich meine Kommissare wohl mit einem Serientäter beschäftigen müssen. Die Idee dazu kam mir vorhin beim Zähne putzen – fragt mich bitte nicht, warum ausgerechnet dabei. Mit Zähnen, fiesen Zahnärzten oder Problemen der Mundhygiene wird die Geschichte so weit ich bisher sehen kann, jedenfalls nichts zu tun haben.

Genau genommen habe ich bisher auch nur eine Idee vom Anfangssetting und einen Grund, dass KK Jana Hirte, die im Betrugsdezernat arbeitet und mit Leichen absolut nichts zu tun haben will, sich nun schon wieder in eine Mordermittlung hineinziehen lässt.