Schreibtipp

Krimi und Kriminalität

Man sollte meinen, das Leben liefere reichlich Stoff für Kriminalromane und natürlich verfolge ich die Nachrichten über Verbrechen, Intrigen in der Politik, Wirtschaftsmauscheleien und so weiter. Aber als direkte Vorlage taugt das alles wenig. Warum möchte ich an einer frisch aus meiner Twitter Timeline gefischten Pressemitteilung der Frankfurter Polizei demonstrieren:

Frankfurt (ots) – (we) Ein seit längerer Zeit schwelender Streit zwischen zwei Männern, ist am Dienstagabend in der Wiener Straße eskaliert und löste einen größeren Polizeieinsatz aus.

Die Männer im Alter von 49 und 34 Jahren lebten bis vor zwei Wochen in einem Mitverhältnis zusammen in einer Wohnung, bis der 49-jährige Hauptmieter dem 34-Jährigen aufgrund seines Zahlungsrückstandes fristlos kündigte.

Offenbar wollte der 34-Jährige dies nicht akzeptieren und hielt sich am Dienstagabend gegen 23.40 Uhr erneut in der Wohnung auf. Daraufhin versuchte der 49-Jährige ihn aus der Wohnung zu jagen und schwang dabei ein Küchenbeil.

Der unverletzte 34-Jährige rannte aus der Wohnung und verständigte die Polizei. Die Beamten rückten mit mehreren Streifenwagen an. Der 49-Jährige öffnete freiwillig die Tür und stellte sich. Das Küchenbeil wurde sichergestellt. Er wird sich wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung verantworten müssen.

Rückfragen bitte an:
Polizeipräsidium Frankfurt am Main
P r e s s e s t e l l e

Das ist doch was, oder? Hier tobt das pralle Leben, da geht es zur Sache – und bei richtiger Anwendung des Hackebeils hätte es sogar eine Leiche geben können. So erzählt, ist dieser Vorfall trotzdem nicht mehr, als eine Anekdote. Ganz witzig, aber vollkommen unspannend im Sinne eines Krimis.
Wenn man daraus einen anständigen Krimi machen wollte, müsste man die Geschichte genau andersrum erzählen: Die Polizei findet eine Leiche. Der Tote weist Verletzungen auf, die auf den Einsatz eines Hackebeils hindeuten.
Damit lässt sich arbeiten. Der nächste Schritt ist, eine Reihe Fragen aufzuwerfen (und falsche Spuren zu legen): Warum musste dieser Mann sterben? Geht ein wahnsinniger Axtmörder um? Handelt es sich um einen Ritualmord? War es ein Verbrechen aus Leidenschaft? Hach, Drama! Konflikte zuhauf, das ist gut.
Aber dann: Der geniale Kommissar hat nach die falschen Spuren als Sackgassen identifiziert und entdeckt – einen Mietstreit als Ursache?!
Also wirklich! Spätestens in diesem Moment schmeißt der jetzt gar nicht mehr geneigte Leser das Buch in die Ecke und verflucht den Autor, der solche hahnebüchenen, völlig an den Haaren herbeigezogenen Fälle konstruiert.

Ein Krimi muss nicht wahr sein, sondern eine plausible Lösung bieten. Dazu gehört auch, dass das Motiv der Größe des Verbrechens angemessen sein sollte. Nur hält sich die Realität selten daran und genau aus diesem Grund sollte man sie nur in wohldosierten Mengen einbringen.

April Challenge (Tag 23): Inspiring Quote

Keine Ahnung, wie man das übersetzt. Inspirierendes Zitat vielleicht? Google findet unter dem Stichwort jede Menge Sinnsprüche, die meisten hübsch verpackt als Bildchen, was ja auch Sinn ergibt, denn so ein Spruch allein macht wenig her.

Weil ich aber nicht einfach kopieren wollte, habe ich selbst etwas gebastelt:

Schreibewildundgefährlich2Überarbeiten kannst du immer noch.

April Challenge (Tag 19) – Schreibanregung

Zugegeben: Ich selbst nutze Writing Prompts nur selten, weil es sich bei mir ja meist darum dreht, eine Geschichte logisch vom Mord zu seiner Aufklärung zu entwickeln und dabei ein paar falsche Fährten auszulegen. Wenn ich dabei mal nicht weiter weiß, hilft meist schon die Frage, was in der konkreten Situation die für den handelnden Charakter unangenehmste Entwicklung wäre. Charaktere quälen macht Spaß und ist immer wieder inspirierend.

Aber wenn du einen Startschuss oder eine Anregung brauchst, um eine Kurzgeschichte anzufangen oder eine Schreibblockade zu überwinden, versuch’s mal diesen Trick:

Nimm das unterste Buch von deinem SUB*, schlag es auf einer beliebigen Seite auf, lies den ersten Satz des ersten Absatzes und nimm ihn als Anfang deiner Geschichte.
Bei mir wäre das aktuell „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ von Michael Köhlmeier. Bei dem vorgeschlagenen Verfahren lande ich auf Seite 304 und dem Satz:

Ich bin kein Theologe, aber ich finde, in einem katholischen Land wie Liechtenstein, das von einem christlichen Fürsten nach christlichen Grundsätzen vortrefflich geführt wird, sollte auf die Ausführungen eines Kirchenmannes gehört werden.

Offensichtlich passiert aber genau das nicht. Warum nicht? Und wer ist der Kirchenmann, auf den nicht gehört wird? In welchem Verhältnis steht er zum Erzähler? Sind sie verwandt? Geschäftsfreunde? Was für Geschäfte? Krumme, flüstert meine kriminelle Muse von hinten. Sehr krumme. Damit lässt sich was anfangen, was meinst du?


*SUB = Stapel ungelesener Bücher

April Challenge (Tag 10) Der hilfreichste Schreibtipp

Unter den tausend Schreibtipps für Autoren den einen, besten, hilfreichsten auszuwählen, ist gar nicht so einfach. Zuerst hätte ich gedacht, dass es auf so etwas hinausliefe wie: „vermeide Klischees!“, oder: „sei so konkret, wie möglich.“
Aber bei näherem Überlegen ist das natürlich Quatsch. Ein geschickt ausgewähltes und richtig eingesetztes Klischee kann einen Text durchaus bereichern (z. B. wenn man eine Figur auf ein Klischee hereinfallen lässt und sie gerade dadurch in Schwierigkeiten bringt) und konkrete Beschreibungen sind auch nicht immer angebracht. Wenn jemand nur kurz in eine Bar hineinschaut, reicht es z. B. zu schreiben:

Als er die Tür öffnete, schlug ihm der Gestank von schalem Bier und Pisse entgegen. Hier würde er die Baronin nicht finden.
(kein Zitat)

M. E. müsste das Kriterium für den hilfreichsten Schreibtipp aller Zeiten aber sein, dass er möglichst universell anwendbar ist. Ok, dann: „Schreib das verdammte Ding fertig!“ Klingt schon mal gut. Ist aber banal. Und nicht sehr überzeugend, weil ich selbst einen Haufen angefangenes und nie beendetes Zeug auf der Festplatte rumgammeln habe.
Die Offenbarung kam, als ich darüber nachdachte, warum ich meine Krimis fertig bekommen habe und die anderen Sachen nicht. Für die Krimis hatte ich einen detaillierten Ablaufplan fertig, bevor ich mit dem Schreiben angefangen habe. Bei den anderen Sachen habe ich mit nichts als einer tollen Idee angefangen (die Ideen sind immer noch toll, aber sie entwickelten sich beim Schreiben nicht weiter, sondern versandeten irgendwie).
Deshalb ist mein höchstpersönlicher Schreibtipp:

Plotte deine Geschichte, bevor du losschreibst!

Auch wenn du eine supertolle Idee hast und darauf brennst, loszuschreiben: Nimm dir die Zeit, den Ablauf deiner Geschichte in den wesentlichen Punkten festzulegen. Was passiert wann, warum und was folgt daraus? Das kostet ein bisschen Zeit, ist aber alles andere, als langweilig. In der Plotphase lässt sich die Geschichte noch in alle Richtungen auszuspinnen und man kann hemmungslos Möglichkeiten ausprobieren, um seine Protagonisten in Schwierigkeiten zu bringen und rauszuholen. Ich empfinde diese Phase als sehr befruchtend, weil dabei ganz neue Ideen entstehen, Handlungsalternativen, an die ich vorher gar nicht gedacht habe. Jetzt kann man in Ruhe abstimmen, was wann passiert und einen Spannungsbogen aufbauen, in dem die Ereignisse logisch aufeinander folgen. Und man hat eine Route, an die man sich beim Schreiben halten kann und die verhindert, dass man sich in der eigenen Geschichte verläuft.

Schreibtipp: Mit allen Fingern schreiben

Wenn man sich schon abmüht, das eine richtigen Wort zu finden, ist es nicht hilfreich, auch noch die richtigen Buchstaben auf der Tastatur suchen zu müssen. Besser und schneller geht es, wenn die Gedanken gleich aus dem Kopf in die Fingerspitzen fließen.
Daher ist mein Tipp: Nehmt euch die Zeit, das 10-Fingersystem zu lernen, auch wenn das am Anfang mühsam, zäh und langweilig ist. Es rentiert sich! Und man muss nicht mal teure Kurse besuchen. Ich habe es mir mit einem ausgeliehenen Buch selber beigebracht, bevor Computer überall verfügbar waren. Heute gibt es auch Onlinekurse und -trainer. Dieser hier ist sogar kostenlos.

Realismus vs. Spannung

Als ich neulich auf Twitter rumgefragt habe, worüber ich bloggen soll, kam die Frage, warum es so schwer ist, realistische Krimis spannend zu gestalten. Ganz sicher bin ich mir bei der Antwort auch nicht. Aber ich glaube, dass man die Frage sogar noch weiter verallgemeinern kann.

Warum ist es so schwer, gleichzeitig realistisch und spannend zu erzählen?

Das Problem betrifft Autoren aller Genres, ob sie nun Krimis, Erotik, Abenteuer- oder Liebesromane schreiben. Eine realistische Sexszene wirkt oft eher peinlich technisch oder unfreiwillig komisch, eine realistische Liebesgeschichte ist ähnlich prickelnd, wie abgestandener, lauwarmer Champagner und ein realistischer Krimi – zum Gähnen!

Realität ist banal

Das gilt sogar für Mord und Totschlag. Der unbekannte Tote mit der verwickelten Vergangenheit ist die Ausnahme. Auch, wenn es schwer zu ertragen ist: Bei den meisten Tötungsdelikten haben sich Täter und Opfer vorher gekannt. Natürlich gibt es auch den Räuber, der seine Beute sichern und den besoffenen Autofahrer, der eine Polizeisperre durchbricht, weil er seinen Lappen nicht riskieren will. Trotzdem sind die meisten Tötungsdelikte Beziehungstaten. Da wird ein Kind zu Tode geschüttelt, weil es zu laut und anhaltend geschrien hat. Ein alter Mensch im Bett erstickt, weil die pflegende Verwandte (meist sind das Frauen) das ständige Genörgel nicht mehr erträgt. Ehefrauen erstechen ihre Ehemänner, Männer erschlagen ihre Frauen oder Saufkumpel.
Und am Ende ist es sogar oft der Täter selbst, der die Polizei benachrichtigt (bzw. die Täterin). Fall gelöst.

Realität ist kleinteilig

Schauen wir bei uns selber: Selbst ein gewöhnlicher Tag besteht aus unzähligen kleinen Handlungen: Aufstehen, waschen, Zähne putzen, rasieren/schminken, anziehen … Das alles zu beschreiben, kann man keinem Leser zumuten. Aber selbst, wenn man sich auf die Eigenheiten des Genres konzentriert, bleibt es komplex und kleinteilig.
Um diese Behauptung kurz am Beispiel Krimi zu erläutern: Bei echten Mordermittlungen werden ganze Teams von teilweise hochspezialisierten Experten hinzugezogen, die ihrerseits aber nur winzige Teilbereiche bearbeiten – und die der Kommissar und seine treuen Gefährten im Normalfall gar nicht zu sehen bekommen. Bei Obduktionen z. B. ist nur selten ein Ermittler anwesend und die bei der Obduktion entnommenen Proben werden an Labore weitergegeben, wo sie von verschiedenen Wissenschaftlern untersucht werden. Wieder ein anderes Labor untersucht Fasern und ein drittes ist z. B. für Beschusstests zuständig. Die Ergebnisse werden als Gutachten an die Ermittler weitergegeben.
Bei einer realistischen Schilderung müsste man also entweder jeden Spezialisten kurz auftauchen lassen, wenn er gerade etwas für den Fall relevantes tut oder die Ermittler einander die Inhalte der Gutachten referieren lassen (was sie tatsächlich tun).

Realität ist langwierig

Selbst, wenn die Pathologie nicht überlastet ist und jedes Labor nur darauf wartet, mit den Untersuchungen zu beginnen: Die Tests dauern. Ein Gaschromatograph braucht zwar in der Regel unter einer Stunde, um Ergebnisse auszuspucken, aber eine DNA-Analyse braucht 2 Tage und danach müssen noch die Gutachten geschrieben werden. In der Pathologie geschieht das nicht durch die Gerichtsmediziner, sondern durch ein Schreibbüro. Anschließend geht es zur Prüfung zurück in die Gerichtsmedizin und erst, wenn der zuständige Pathologe sein ok gibt, weiter an die Kripo.
Auch Zeugenbefragungen dauern – selbst, wenn man am Ende feststellt, dass der Zeuge nichts gesehen oder gehört hat. Außerdem müssen Formulare ausgefüllt und Aktenvermerke geschrieben werden, was ebenfalls dauert, mich aber gleich zum nächsten Punkt bringt.

Realität ist zum größten Teil Routine

Routine, also das ewig Gleiche, ist so ziemlich das absolute Gegenteil von Spannung. Gleichzeitig helfen Routinen aber auch, nichts zu vergessen und deshalb herrscht natürlich auch bei Ermittlungen viel Routine. Dagegen könnte man natürlich einwenden, ein Laie kenne die Abläufe in einem Kommissariat, bei der Tatortbegehung oder in der Gerichtsmedizin nicht, deshalb seien sie für den Leser eben doch neu und spannend.
Dass das nicht stimmt, zeigen m. E. die Romane von Jeffery Deaver sehr gut. Btw.: Ich bin ein großer Fan von Deaver, aber spätestens seit dem 2. Band weiß ich, wie Lincoln Rhyme einen Tatort untersucht haben will und fange an zu gähnen, wenn Amelia wieder einmal in ihren Tyvekanzug schlüpft und anfängt, das Gitternetz abzuschreiten (inwieweit diese Art der Untersuchung tatsächlich realistisch ist und ob sie in Deutschland praktiziert wird, ist noch eine ganz andere Frage). Genauso ist es mit Leichenöffnungen. Anfangs ist es vielleicht noch spannend, den Pathologen „zuzusehen“, wie sie die Leiche erst äußerlich untersuchen und die Befunde dokumentieren, dann Brustkorb und Abdomen öffnen, die Organe entnehmen und wiegen, Proben von Gewebe und Körperflüssigkeiten sichern, den Schädel öffnen, das Hirn und das Schädelinnere untersuchen und am Ende alles wieder verschließen. Aber beim 5. Mal wird es – Routine. Man will dann nicht mehr erzählt bekommen, dass der Bauch aufgeschnitten wird, um die Organe rauszunehmen und zu wiegen. Schon gar nicht, wenn die Todesursache eindeutig und vollkommen unstrittig ein Kopfschuss ist. Und jetzt stellt euch bitte vor, vor jeder Zeugenbefragung würde der Autor seine Kommissare auch noch die Personalien feststellen lassen.

Spannung ist Konzentration

Spannung entsteht, wenn Dinge in engem zeitlichen oder räumlichen Zusammenhang passieren, man das Ergebnis aber nicht absehen kann. Spannung hat viel mit Erwartung zu tun.
Das heißt im Umkehrschluss, dass man das ganze banale, routinemäßige Klein-Klein, das den überwiegenden Teil der Realität ausmacht herausfiltern und sich auf den Rest konzentrieren muss. Es bedeutet, aus den vielen Spezialisten ein kleines Team zu machen, wie bei Navy CIS, CSI, Bones oder Crossing Jordan. Es bedeutet, zeitlich und räumlich zu raffen, um Durchhänger zu vermeiden. Es bedeutet, die ganzen unwesentlichen Spuren auszublenden, es sei denn, aus ihnen ergeben sich wirklich gute Red Herrings. Und natürlich bedeutet es, zu dramatisieren.

Und wie schon oben gesagt, gilt das alles nicht nur für Krimis. Auch in allen anderen Genres muss man die Zahl der handelnden Figuren kontrolliert halten (es sei denn, man schreibt für Liebhaber des russischen Gesellschaftsromans im ausgehenden 19. Jahrhundert), die Handlung straffen und dramatisieren.

Schreibtipp: Charaktere oder Handlung – eine falsch gestellte Frage

In Schreibratgebern wird viel Wert auf ausgearbeitete Charaktere gelegt und unter Autoren kursieren Dutzende von Charakterbögen, mit denen man Biographie und Psyche seiner Figuren bis in den letzten Winkel ausleuchten kann. Das ist alles sehr gut und berechtigt, so lange man eins nicht aus den Augen verliert: Im Roman gilt es, eine Geschichte zu erzählen.

Wenn man seine Charaktere ohne Rücksicht auf die spätere Handlung ausarbeitet, stößt man schnell an Grenzen. Die menschenscheue Jungfrau wird nicht von einem Moment zum nächsten auf eiskalte Verführerin umschwenken, nur weil der Plot es von ihr verlangt. Im besten Fall merkt der Autor das und verändert entweder die Figur oder sucht nach einer Handlungsalternative. Wo das nicht passiert, entstehen Brüche. Der Leser merkt den Eingriff, ärgert sich über unglaubwürdige Figuren, die unmotiviert durch die Handlung zappeln und schmeißt das Buch frustriert in die Ecke. Vielleicht schreibt er sogar noch eine schlechte Rezension.

Das andere Extrem, die Handlung exakt auszuarbeiten und die Figuren nur grob zu skizzieren, funktioniert aber vor allem im Action- und Abenteuergenre. Da die Leser hauptsächlich an der Handlung interessiert ist, akzeptieren sie Typen, wie James Bond, Indiana Jones oder die Marvel Superhelden. Auch im Heftroman erwarten Leser eher die Erfüllung von Klischees, als Charaktertiefe. In allen anderen Bereichen ärgert sich der Leser über blasse, klischeehafte Figuren,  die unmotiviert durch die Handlung zappeln und schmeißt das Buch frustriert in die Ecke. Vielleicht schreibt er sogar noch eine schlechte Rezension.

Die Lösung des Dilemmas besteht darin, beides im Auge zu behalten. Eine Handlung kommt dadurch zustande, dass die Figuren eine Entscheidung treffen. Welche das ist, hängt wesentlich von ihrem Charakter ab. Selbst Hercule Poirot denkt und handelt anders, als Miss Marple. Die Entscheidung zugunsten eines Charakters beeinflusst daher den Verlauf der ganzen Geschichte.
Dementsprechend wichtig ist es, den Charakter gleich im Hinblick auf die spätere Handlung festzulegen und ihm Eigenschaften zu verleihen, die es ermöglichen, genau diese Geschichte zu erleben. Danach kann man immer noch entscheiden, ob er groß oder klein sein soll, Stier oder Waage und ob er auf Death-Metall steht oder lieber Kammermusik hört.

Schreibtipp: Vergiss Schreibtipps, wenn du schreibst!

Zugegeben: Das klingt erst mal widersinnig. Es wird aber logisch, wenn man die Abschnitte des Schreibprozesses betrachtet.

  1. Zunächst mal braucht man eine Idee. Es folgen Recherche und weitere Beschäftigung mit dem Thema, bis man die Idee entweder verwirft oder für brauchbar erklärt.
  2. Plotter legen jetzt einen Zwischenschritt für die Planung ein, Pantser gehen gleich zum Punkt 3 über.
  3. Das eigentliche Schreiben. Angefangen beim ersten Wort bis hin zum Ende.
  4. Die Rohfassung wird überarbeitet.
  5. – wievielauchimmer sind weitere Überarbeitungen.

Schreibtipps nutzen bei den Punkten 2, 4, 5 usw. Für Plotter ist es natürlich sinnvoll, nach Dreiaktmodell, 7 – Punkte-Methode, 8er Bogenmodell, Heldenreise oder was auch immer einem am meisten liegt, zu planen, Plot- und Wendepunkte festzulegen, Spannungsbögen aufzubauen, Charaktereigenschaften festzulegen und, und, und.
Genauso ist es auch beim Überarbeiten. Natürlich sollte man da darauf achten, ob der 1. Wendepunkt etwa bei einem Drittel liegt, ob die Charaktere sich so verhalten, wie sie sollen, ob Dialoge natürlich wirken und ob sich der Text mit Adjektivitis infiziert hat.

Aber bei Punkt 3, beim Schreiben selbst darf man das alles getrost vergessen. Alles, was beim Schreiben zählt, ist das Schreiben auf das Ziel zu. Erst, wenn man das erreicht hat, darf man sich wieder an die ganzen Tipps und Regeln erinnern.
Das ist gemeint, wenn manchmal empfohlen wird, den inneren Lektor beim Schreiben wegzusperren.

Und noch ein Tipp: Gönnt euch einen Prosecco, einen Whisky oder was auch immer euer Lieblingsgetränk für besondere Anlässe ist und gratuliert euch selber zum Erfolg. Eine Geschichte, besonders einen Roman zuende zu schreiben, ist nämlich eine wirkliche Leistung!

P.S.: Diesen Schreibtipp solltest Du natürlich nicht vergessen.

Was Überarbeiten mit Schnapsbrennerei zu tun hat

In den meisten Schreibratgebern steht sinngemäß, dass der erste Entwurf eines Manuskripts generell Mist sei und die wahre Kunst im richtigen Überarbeiten bestehe.

Dem kann ich so nicht zustimmen.

Wenn ich meine Texte durchlese, stelle ich fest, dass vor allem der Anfang und das Ende einer Szene Probleme bereiten, während der Mittelteil abgesehen von ein paar Schwächen meist ganz ok ist.
Und das bringt mich zum Schnapsbrennen. Beim Destillieren gilt nämlich etwas ganz Ähnliches: Der Vorlauf ist vollkommen ungenießbar und der Nachlauf überwiegend bäh, daher werden beide weggeschüttet. Weiterverarbeitet wird nur das hochwertige Herzstück.
So kann man auch beim Überarbeiten von Texten vorgehen.

Ich spreche hier übrigens ganz bewusst vom Überarbeiten. Beim Entwerfen und Schreiben sind solche Beschränkungen eher hinderlich. Da fallen mir eher Parallelen zu Aufwärmübungen beim Sport ein. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Schreibtipp: artgerechter Umgang mit Musen

Wer auf die Muse wartet, macht was falsch. Musen sind Gewohnheitstiere; zur artgerechten Haltung gehört, sie regelmäßig zu beschäftigen.  Das geht am Besten, wenn man sich täglich mindestens eine Stunde Zeit zum Schreiben nimmt. So gefordert, zeigt sich die Muse deutlich kussbereiter.