Lovelybooks öffnet sich für Selfpublisher

Beinahe lautlos hat sich bei Lovelybooks eine kleine Revolution ereignet: Man kann sich dort jetzt auch ohne eigenständige Verlagsveröffentlichung als Autor registrieren:

Seit heute trage ich den Status als Selfpublisher bei Lovelybooks. Gekennzeichnet wird dies durch ein kleines Buch-Symbol im Profilbild. Warum dies eine Meldung wert ist? Dieses kleine Symbol erkennt die Leistung der Selfpublisher als Autoren an. Lovelybooks ist mit diesem Schritt in die richtige Richtung gegangen. Schon lange kämpfen Selfpublisher gegen das Vorurteil an, im Vergleich […]

über Kleines Symbol mit großer Wirkung? — Bianca Fuchs

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Hörempfehlung: Kommissar Maigret auf Bayern2

Statt eines Lesetipps gibt es heute eine Hörempfehlung: Der Bayerische Rundfunk hat auf Bayern2 einen kleinen aber feinen Beitrag über Georges Simenon und seinen Kommissar Maigret gesendet – und anschließend in die Mediathek gestellt.

Klicken, zurücklehnen, anhören. 20 Minuten, die sich lohnen.

Liebster-Award

Jaeleki von Jaeleki schreibt (Tipp: unbedingt vorbeigucken, dort gibt es jede Menge Lesefutter) hat mich für den Liebster Award nominiert, eine Art Wanderpokal, der kleine Blogs bekannter machen soll. Für mich ist das eine große Ehre. Ganz, ganz herzlichen Dank!

Die Fragen zu beantworten, war gar nicht so leicht. Aber genau deshalb hat es auch Spaß gemacht.
Noch schwieriger war es allerdings, mir eigene auszudenken. Die kommen dann weiter unten.

Jaelekis elf Fragen:

1. Wenn du kein Mensch wärst, wärst du …?

Diese Frage finde ich so schwer zu beantworten, dass ich sie mir ganz bis zum Schluss aufgehoben habe. Ein Buch vielleicht. Oder ein Wolf. Ich mag Wölfe, auch wenn sie zur Zeit ziemlich romantisiert werden. Europäische Wölfe sind nicht hübsch, sie sehen nicht im mindesten aus, wie in den Märchenillustrationen. Aber sie haben eine nette Art miteinander umzugehen; längst nicht so rangorientiert, wie Haushunde.

2. Warum bloggst du?

Das hat sehr verschiedene Gründe. Zum einen, weil mich bestimmte Themen interessieren und ich mich darüber gerne mit anderen austausche (auch wenn ein Blog zugegeben sehr einseitig ist. Trotzdem bewirkt es mehr, als ein Tagebuch).
Der andere Grund ist natürlich, dass ich mir langfristig auch eine Basis für meine Bücher aufbauen will.

3. Wenn du nur noch eine Sache in deinem Leben erreichen könntest, was wäre das?

„Bodenfund“, den ersten Krimi, den ich geschrieben habe, herauszubringen. Das ist nur eine Kleinigkeit, aber mir würde es sehr viel bedeuten, weil es hieße, dass ich wenigstens eine Sache erfolgreich abgeschlossen habe.

4. Was schätzt du an Deutschland am meisten?

Die geistige Offenheit, die uns zur Zeit verloren zu gehen droht. Wir leben in einem der freiesten Länder der Welt, das würde ich gerne bewahren.

5. Wenn du durch die Zeit reisen könntest, wo würdest du landen?

Überall. Aber ich hätte gerne auch einen Babelfisch, um zu verstehen und verstanden zu werden.

6. Schreibst du oder liest du lieber?

Das ist tagesformabhängig. Schreiben ist das Eintauchen in meine eigenen Welten; Lesen ein Ausflug in die Fremde.

7. Was bedeutet der Begriff „Freundschaft“ für dich?

Ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Verlässlichkeit.

8. Welche Bücher liest du am liebsten?

Gute, wäre meine erste Antwort, was mich in die Erklärungsnot bringt, was für mich ein gutes Buch ist. Die Standartantworten kennt eigentlich jeder: eine spannende Geschichte, authentisch agierende Figuren, ein interessantes Setting und möglichst klischeefrei (also wie jeder Schreibratgeber empfiehlt). Aber ich lese auch Carlos Ruiz Zafon wahnsinnig gerne, gerade weil er so wunderbar mit Klischees spielt. Ich mag Julie Zeh wegen der Bildgewalt ihrer Sprache, auch wenn es manchmal etwas zu viel ist. Mein Bücherregal ist eine komische Mischung aus Bestsellern (wenigen) und Nischenprodukten; Schmökern und „Hochliteratur“ (ein Wort, das ich nur mit ganz spitzen Fingern anfasse und am liebsten entsorgen würde).

9. Wenn du eine Sache in deinem Leben verändern könntest, was würdest du tun?

Bei mir oder bei jemand anderem? Bei mir fallen mir nur Kleinigkeiten ein, wie regelmäßig Sport treiben oder unter Menschen gehen. Dinge, die ich mit etwas Willenskraft auch ändern könnte (um den Preis, auf etwas anderes zu verzichten, aber ok). Aber ich würde meine Seele dem Teufel verschreiben, wenn ich dadurch meinen Sohn gesund machen könnte.

10. Wenn du eine Superkraft haben könntest, welche wäre das?

Das diskutiere ich regelmäßig mit meinem jüngeren Sohn, der ein großer Fan des Marvel Multiversums ist. Aber so richtig entscheiden kann ich mich nicht. Einerseits würde ich gerne in die Köpfe von Menschen sehen können, um zu wissen, was sie denken. Mindestens genauso spannend fände ich es aber, die Zukunft vorhersehen zu können. Zwei Minuten würden schon reichen (so wie Nicolas Cage alias Cris Johnson in Next). Aktuell würde ich mich dafür entscheiden, aber das ändert sich fast täglich.

11. Glaubst du an Gott?

An welchen? Ich will nicht ausschließen, dass es einen oder mehrere Götter gibt oder irgendeine numinose Schöpfungskraft. Allerdings kann ich auch das Gegenteil nicht ausschließen und deshalb ist Gott für mich so etwas wie Schrödingers Katze – nur dass man nicht weiß, ob überhaupt etwas der Schachtel steckt oder nicht.

Meine Fragen:

  1. Was ist dein Lebensmotto und welche Bedeutung hat es für dich?
  2. Auf welche drei Dinge würdest du um nichts in der Welt verzichten wollen?
  3. Wie startest du in den Tag?
  4. Welche Eigenschaft an dir magst du am meisten?
  5. Welche Person würdest du gerne für einen Blogbeitrag interviewen, wenn du EGAL wen wählen könntest und warum?
  6. Wie wichtig ist dir das Aussehen deines Blogs?
  7. Was muntert dich auf, wenn du down bist?
  8. Was ist dein Lieblingsessen (und verrätst du das Rezept)?
  9. Gibt es etwas, das du absolut verabscheust und wenn ja, was?
  10. Planst du deine Blogbeiträge im voraus oder schreibst du nach Lust und Laune?
  11. Was ist dein aktuelles Herzensprojekt?

Ich nominiere:

Bordsteinprosa: http://bordsteinprosa.blogspot.de
Bianca Fuchs: https://seelenlaeuferblog.wordpress.com
Katrin Ils: https://katrinils.com/blog/
Samuel Roehlen: http://www.samuel-roehlen.de
JMVolckmann: http://jmvolckmann.de/blog/
(alphabetische Reihenfolge)

REGELN

  1. Danke der Person, die dich für den Liebster Award nominiert hat und verlinke ihren Blog in deinem Artikel.
  2. Beantworte die 11 Fragen, die dir der Blogger, der dich nominiert hat, gestellt hat.
  3. Nominiere 2 bis 11 weitere Blogger für den Liebster Award.
  4. 
Stelle eine neue Liste mit 11 Fragen für deine nominierten Blogger zusammen.
  5. Informiere deine nominierten Blogger über den Blog-Artikel.
  6. Das Beitragsbild kannst du optional in deinen Beitrag einfügen.
  7. Schreibe diese Regeln in deinen Liebster-Award-Blog-Artikel.

Ausgelesen: Die letzten Tage des Condor

Wer kennt ihn noch: Ronald Malcolm, den Helden aus „die sechs Tage des Condor“? Er ist wieder da und wieder hat er eigentlich einen ruhigen Schreibtischjob. Die Jahre dazwischen waren allerdings ein bisschen aufregender und haben ihn schließlich in ein Irrenhaus der CIA gebracht. Jetzt kontrolliert die Homeland Security, ob er auch brav und regelmäßig seine Medikamente nimmt.

Ohne zu viel zu spoilern: Tut er nicht und das ist auch gut so. Denn als einer der Homeland Security Agents in seiner Wohnung ermordet wird, muss Ronald Malcolm alias Vin alias Condor wieder alle Kräfte zusammennehmen, um zu entkommen. Seine Verfolger sind hervorragend augerüstet und gehen im wahrsten Wortsinn über Leichen. Wer sie sind, bleibt genretypisch bis zum Ende offen.

Das ist schon sehr spannend, aber was diesen Thriller besonders macht, ist die Sprache. Grady erzählt über weite Strecken in erlebter Rede; einer Technik, bei der Beschreibung, Reflektion und Assoziation ineinander fließen. Das ist nicht immer leicht verständlich und gerade am Anfang irritierend, aber wenn man sich daran gewöhnt hat, kommt man den Figuren unglaublich nahe und die Geschichte gewinnt zusätzliche Dynamik. Mir hat es, nach anfänglichen Schwierigkeiten richtig Spaß gebracht.

Man muss die sechs Tage des Condor nicht gelesen haben, um diese Geschichte zu verstehen. Aber es wäre eine gute Gelegenheit, das Buch noch mal vorzuholen. Oder sich die Verfilmung mit Robert Redford noch einmal anzusehen (in der es nur noch drei Tage sind).


James Grady, Die letzten Tage des Condor, Suhrkamp Taschenbuch 2016, ISBN-13: 978-3518466858

Bin ich eine politische Schriftstellerin?

Auf Twitter äußere ich mich recht oft zu politischen Themen. Ich habe eine Meinung und die kann auch jeder kennen. Natürlich schlägt das auch auf meine Krimis durch. Trotzdem würde ich mich nie als politische Schriftstellerin bezeichnen. Mein Ziel ist, Bücher zu Schreiben, die Spaß machen. Nicht, eine Meinung zu verbreiten – egal, wessen.

Ganz im Gegenteil: Bücher, die ganz offensichtlich dazu geschrieben sind, eine bestimmte Weltsicht zu propagieren, finde ich grauenhaft. Es gab mal so einen Trend im Krimibereich. Frauenkrimis, bei denen alle Männer Schweine und alle Frauen entweder Feministinnen (gut) oder arme Opfer waren. Die besten Feministinnen waren Lesben.
Literaturgeschichtlich waren diese Krimis bahnbrechend. Sie brachen mit dem Klischee dass Detektivarbeit Männersache sei. Sie brachen mit dem Klischee, dass Frauen in politischen Romanen keine aktive – und schon gar keine positive Rolle zu spielen hatten. Und sie behandelten Lesben nicht mehr als Frauen, die nur nicht den richtigen Mann gefunden hatten.
Trotzdem waren sie grauenhaft.

Solche Bücher will ich nicht schreiben, auch wenn ich oben gesagt habe, dass meine Meinung natürlich auf meine Krimis durchschlägt. Aber damit meine ich nicht, dass ich meinen Lesern vorschreibe, wie sie zu denken haben. Die Meinungen meiner Protagonisten entsprechen auch nicht unbedingt meiner eigenen. Teilweise laufen sie ihr sogar diametral entgegen und das ist auch gut so.
Wenn ich sage, dass meine Meinung natürlich auf meine Krimis durchschlägt, meine ich die Wahl des Stoffs, also des zugrundeliegenden Themas. Meine Krimis haben neben dem Mord, der aufgeklärt werden muss, immer auch ein Thema. Bei „Bodenfund“ den ich gerade überarbeite, ist das Antikenhehlerei. Und auch wenn ich natürlich eine Meinung dazu habe, versuche ich, das Thema von möglichst vielen Seiten zu beleuchten, ohne die Meinung des Lesers in die eine oder andere Richtung zu lenken. Schließlich will ich in erster Linie meine Leser unterhalten, indem ich eine spannende Geschichte erzähle.

 

Sex und Crime

Aktuell lese ich gerade „Die letzten Tage des Condor“ von James Grady und bin darin auf eine großartig geschriebene Sexszene gestoßen. Grady schreibt viel in erlebter Rede und erzeugt damit eine große Nähe des Lesers zu den Figuren. Auch in dieser Szene erlebt man die Gedanken und Gefühle von Faye Dozier unmittelbar mit.

Was mich umgehauen hat war, welche Gedanken sie dabei hat. Ich will nicht spoilern, aber so viel sei doch gesagt: Es hat nichts mit dem üblichen „Oh mein Gott, er ist so GROßARTIG und ich will ihn so sehr!“ zu tun. Ganz im Gegenteil. Grady lässt den Leser fast bis zum letzten Moment im Unklaren, was hier eigentlich passiert. Selbst, als beide schon miteinander im Bett sind, hat man als Leser den Eindruck, die Sache könne jederzeit in eine ganz andere Richtung kippen. Unglaublich spannend. Unglaublich gut!


James Grady, Die letzten Tage des Condor, Suhrkamp 2016, ISBN 978-3-518-46685-8

Nichts als Lügen?

In meinem letzten Beitrag habe ich mich darüber ausgelassen, warum die Realität nur schlecht als Vorlage für einen Krimi taugt. Heute soll es dafür ein bisschen darum gehen, wo man mit ihr doch etwas anfangen kann.

Ausgangspunkt ist eine Diskussion über Zivilcourage. Ein Matthias Czarnetzki anderer Autor hatte im Netz gefragt, warum man wegschaut, wenn man doch auch hinsehen kann. Mit einer der Antworten setzt er sich in einem weiteren Blogbeitrag auseinander. Diesen Beitrag habe ich kommentiert, aber darum soll es hier nicht gehen, sondern um die Beurteilung des Wahrheitsgehalts von Aussagen.

Das Spiel mit der Wahrheit

Zugegeben, das klingt ein bisschen trocken, ist aber nicht nur für Polizisten, Juristen und Psychologen wichtig, sondern auch für Autoren. Man kann damit spielen und dadurch seinen Roman interessanter gestalten.
Nicht nur Krimi-Autoren haben es mit unzuverlässigen Zeugen zu tun. Auch in anderen Genres lügen die Protagonisten und Nebencharaktere oft, dass sich die Balken biegen. Nur, wie stellt man das als Autor dar, ohne den Leser gleich mit der Nase darauf zu stoßen? Tatsächlich helfen hier genau die gleichen Kriterien, die auch Polizisten, Richter und Staatsanwälte zur Beurteilung von Zeugenaussagen heranziehen.

Dabei betrachtet man inzwischen weniger die Glaubwürdigkeit des Zeugen, also dessen Leumund und Persönlichkeit, sondern vor allem die Glaubhaftigkeit des Gesagten. Für dessen Beurteilung werden die sogenannten Realitätsskriterien gegen mögliche Lügensignale abgewogen.

Realitätskriterien

  • konkrete, anschauliche Schilderung
  • Detailreichtum und Zugeben von Erinnerungslücken
  • Schilderung abgebrochener Handlungsketten und von Unverstandenem
  • Selbstkorrekturen und -belastungen, auch das Zugeben von eigenen Fehlern oder sozial unerwünschtem Verhalten
  • Originalität (d. h. typischer Sprachstil, keine Klischees, keine Stereotype), insbesondere: Wiedergabe eigenen Erlebens (Gefühle, Sorgen, Ängste)
  • innere Stimmigkeit (logische Konsistenz, keine Verstöße gegen Naturgesetze oder typische Verfahrensabläufe)
  • sachverhaltstypische Details
  • Konstanz der Aussage (wenn mehrfach gefragt oder die Schilderung gegenüber anderen wiederholt wird)

Lügensignale

Wer bewusst etwas unwahres erzählt, muss auf sein vorhandenes Wissen zurückgreifen. Lügensignale sind daher:

  • Kargheit, Abstraktheit und Detailarmut
  • Glatte Darstellung (ohne Komplikationen)
  • Verlegenheit und Zurückhaltung der Aussagen und in der Körpersprache
  • Schwankungen im Sprachniveau (Pauschalierungen, Allgemeinausdrücke, freud’sche Versprecher)
  • Unterwürfigkeit oder besondere Aggressivität (Vorwegverteidigungs- und Entrüstungssymptom)
  • Übertreibung der Bestimmtheit der Aussage (Belastungseifer)

Die Ungewissheit macht es spannend

Nun ist nicht jeder Zeuge ein hervorragender Beobachter oder großartiger Erzähler und die einzelnen Kriterien sagen für sich genommen noch wenig aus. Daher kann man als Autor damit spielen und selbst banalen Situationen Spannung abgewinnen, wie das folgende Beispiel zeigt:

Frau Meyer, die an seniler Bettflucht leidet, will morgens um 7.00 mit ihrem Yorkshire Fipsi Gassi gehen. Als sie gerade die Hand nach dem Griff der Haustür ausstreckt, wird diese von außen aufgestoßen und ihr Nachbar, Herr Müller steht vor ihr.
„Hach, Herr Müller!“, ruft sie. „Sie auch schon wach! Was machen Sie denn so früh schon draußen?“
„Nachtschicht“, gibt er zurück. „Stellen Sie sich vor, andere Leute müssen arbeiten!“
Er stapft an ihr vorbei, die Treppe hoch und schlägt die Tür hinter sich zu.
„Was für ein grober Klotz“, sagt sie zu Fipsi, als beide schon auf der Straße sind. „Und hat es nicht geheißen, er studiert? Ich bin mir sicher, Frau Schulze hat sowas erwähnt. Chemie oder so.“

Hat Herr Müller gelogen? Wir wissen es nicht, aber es deutet einiges darauf hin. Nicht nur, dass seine Aussage im Widerspruch zum Treppenhaustratsch steht. Seine Reaktion weist auch darauf hin, dass man ihn bei irgendetwas ertappt hat. Warum sonst sollte er auf eine einfache Frage derart grob und unhöflich reagieren?
Auf der anderen Seite kann es durchaus sein, dass er die Wahrheit sagt, aber nicht über den Job reden will, weil der ihm peinlich ist (Klomann in einem Fetischclub z. B.). Oder er ist so aggressiv, weil er neugierige alte Weiber auf den Tod nicht ausstehen kann. Vielleicht ist er auch einfach müde und hat ihre Begrüßung als Angriff missverstanden.

Wir wissen es nicht. Aber genau das macht das Ganze für den Leser spannend.

Krimi und Kriminalität

Man sollte meinen, das Leben liefere reichlich Stoff für Kriminalromane und natürlich verfolge ich die Nachrichten über Verbrechen, Intrigen in der Politik, Wirtschaftsmauscheleien und so weiter. Aber als direkte Vorlage taugt das alles wenig. Warum möchte ich an einer frisch aus meiner Twitter Timeline gefischten Pressemitteilung der Frankfurter Polizei demonstrieren:

Frankfurt (ots) – (we) Ein seit längerer Zeit schwelender Streit zwischen zwei Männern, ist am Dienstagabend in der Wiener Straße eskaliert und löste einen größeren Polizeieinsatz aus.

Die Männer im Alter von 49 und 34 Jahren lebten bis vor zwei Wochen in einem Mitverhältnis zusammen in einer Wohnung, bis der 49-jährige Hauptmieter dem 34-Jährigen aufgrund seines Zahlungsrückstandes fristlos kündigte.

Offenbar wollte der 34-Jährige dies nicht akzeptieren und hielt sich am Dienstagabend gegen 23.40 Uhr erneut in der Wohnung auf. Daraufhin versuchte der 49-Jährige ihn aus der Wohnung zu jagen und schwang dabei ein Küchenbeil.

Der unverletzte 34-Jährige rannte aus der Wohnung und verständigte die Polizei. Die Beamten rückten mit mehreren Streifenwagen an. Der 49-Jährige öffnete freiwillig die Tür und stellte sich. Das Küchenbeil wurde sichergestellt. Er wird sich wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung verantworten müssen.

Rückfragen bitte an:
Polizeipräsidium Frankfurt am Main
P r e s s e s t e l l e

Das ist doch was, oder? Hier tobt das pralle Leben, da geht es zur Sache – und bei richtiger Anwendung des Hackebeils hätte es sogar eine Leiche geben können. So erzählt, ist dieser Vorfall trotzdem nicht mehr, als eine Anekdote. Ganz witzig, aber vollkommen unspannend im Sinne eines Krimis.
Wenn man daraus einen anständigen Krimi machen wollte, müsste man die Geschichte genau andersrum erzählen: Die Polizei findet eine Leiche. Der Tote weist Verletzungen auf, die auf den Einsatz eines Hackebeils hindeuten.
Damit lässt sich arbeiten. Der nächste Schritt ist, eine Reihe Fragen aufzuwerfen (und falsche Spuren zu legen): Warum musste dieser Mann sterben? Geht ein wahnsinniger Axtmörder um? Handelt es sich um einen Ritualmord? War es ein Verbrechen aus Leidenschaft? Hach, Drama! Konflikte zuhauf, das ist gut.
Aber dann: Der geniale Kommissar hat nach die falschen Spuren als Sackgassen identifiziert und entdeckt – einen Mietstreit als Ursache?!
Also wirklich! Spätestens in diesem Moment schmeißt der jetzt gar nicht mehr geneigte Leser das Buch in die Ecke und verflucht den Autor, der solche hahnebüchenen, völlig an den Haaren herbeigezogenen Fälle konstruiert.

Ein Krimi muss nicht wahr sein, sondern eine plausible Lösung bieten. Dazu gehört auch, dass das Motiv der Größe des Verbrechens angemessen sein sollte. Nur hält sich die Realität selten daran und genau aus diesem Grund sollte man sie nur in wohldosierten Mengen einbringen.

ausgelesen: Neunundneunzig Namen

99namenEs ist die Art von Katastrophe, die alle Großstädte fürchten, seit am 25. Februar 2009 die Maschine El-Al-Flug 1862 beim Anflug auf den Flughafen Schiphol abstürzte und direkt neben einem Wohngebiet in einen Acker krachte. Nur dass dieser Absturz nicht so glimpflich ausgeht. Die vollbesetzte Passagiermaschine stürzt ausgerechnet über Frankfurt-Sachsenhausen ab, einem bei Touristen wie Einheimischen beliebten Ausflugsziel. Zum Zeitpunkt des Absturzes sind die Lokale und Cafés voll. Über tausend Menschen sterben. Ein schreckliches Unglück.

Falls es ein Unglück war. Schon bald wird bekannt, dass sich während des Absturzes ein Unbefugter im Cockpit aufgehalten und „Allahu Akbar“ gerufen hat. Unmittelbar danach riss der Funkkontakt zum Tower ab.
Wer die Medien nur ein bisschen verfolgt, ahnt die hektische Berichterstattung der Medien, die Politikerreden, die Expertenrunden. Alle sind sich einig: Wer Allahu-Akbar ruft, kann nur Terrorist sein. Die islamische Bedrohung hat Deutschland erreicht. Wer etwas anderes sagt, ist entweder ein ahnungsloser Gutmensch oder islamistischer Heuchler. Aber wer hat Recht?

Jens Michael Volckmann hat die Geschichte als Collage verschiedener Zeitebenen und Perspektiven angelegt. Er spielt dabei geschickt mit der Erwartungshaltung des Lesers, so dass dieser lange im Zweifel bleibt, was sich nun tatsächlich zugetragen hat.
Diese Erzählweise erinnert mich an die von Minette Walters, z. B. in „Der Nachbar“ oder „Dunkle Kammern“, beides Bücher, die ich sehr schätze. Bei Volckmann sind die Sympathieträger nicht so eindeutig, wie bei Walters. Man ist sich bis zum Schluss nie sicher, ob man nicht dem Falschen vertraut und ob nicht vielleicht doch alles ganz anders war. Dadurch bleibt das Buch bis zum letzten Moment spannend.
Was mir auch sehr gut gefallen hat, ist die sprachliche Präzision bei der Beschreibung der Figuren. Volckmanns Bilder sind knapp, Äußerlichkeiten werden nur so weit behandelt, wie es unbedingt notwendig ist. Seine Figuren charakterisieren sich selber durch ihre Aussagen und ihre Sprache. Ihr Tonfall wirkt zum Teil erschreckend echt.

Wenn ich etwas bemängeln soll, würde ich zwei Kleinigkeiten nennen, die aber wenig mit dem Inhalt selbst zu tun haben.
Das Erste ist, dass nur eine Schrifttype verwendet wurde. M. E. würde es der Lesbarkeit gut tun, wenn man die Wechsel der Zeiten und Perspektiven nicht nur durch die Überschriften kenntlich macht, sondern durch die Verwendung verschiedener Schrifttypen zusätzlich betont. Auch den „Leserkommentare“ würde es gut tun, wenn für den Namen eine andere Schrifttype gewählt würde, als für den Kommentar selbst.
Der zweite Punkt betrifft den Klappentext. Dazu hat schon einer der Rezensenten bei Amazon geschrieben, dass der viel zu viel verrät. Das möchte ich gerne unterschreiben.

Bis auf diese Details ist Neunundneunzig Namen ein wirklich tolles Buch, das ich uneingeschränkt empfehle.


Jens Michael Volckmann, Neunundneunzig Namen, (Kindle Single) Kindle Edition, ca. 46 Seiten, 0,99€