Ausländer

Ausgelesen: Killmousky und Havarie

Beide Bücher haben eins gemeinsam: Sie laufen unter der Bezeichnung Krimi. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch auf.

Killmousky von Sibylle Lewitscharoff ist ein klassischer Krimi mit Hard-Boiled-Anklängen. Es gibt den einsamen Wolf, einen Kommissar, seines Zeichens Verhörspezialist und vorzeitig entlassen, weil er einen Verdächtigen zu hart rangenommen hat. Die Parallelen zum Fall Gäfgen sind unübersehbar, werden aber noch gesteigert, weil der Kommissar nichts weniger will, als gleich zwei hübschen, jungen Mädchen das Leben zu retten – dabei aber scheitert. Das findet er tragisch (die Entlassung weniger, die sieht er ein), zumal er nicht recht weiß, was er danach mit seinem Leben anfangen soll. „Frauen? Zigaretten? Whiskey? Den lieben langen Tag?“ Die Entscheidung fällt schwer, zumal Whiskey eigentlich nicht sein Fall ist. Daher trifft er sich mit seiner Verflossenen, lässt die Wohnung ein bisschen verwahrlosen – aber bevor alles zu schlimm wird, winkt seine Vermieterin überraschend mit einem lukrativen Angebot. Ausgerechnet in New York, dabei spricht der Kommissar Englisch ungefähr genauso gut, wie der Ex-Bundespräsident Heinrich Lübke, Gott hab ihn selig.
Dem Auftraggeber, einem reichen Tycoon und dessen schöner Tochter ist das aber egal und so ermittelt der Kommissar mal auf Long Island und mal in der Gegend von München, wo er sich besser auskennt. Das Ende soll natürlich nicht vorweg genommen werden. Angesichts der wenigen Verdächtigen ist es aber wenig überraschend.
Das ist auch mein Hauptkritikpunkt: Für einen Krimi ist dieses Buch zu geradlinig und für hard-boiled ist es zu harmlos (oder, um es auf bayerisch zu sagen: zu liab). Der Kommissar hatte eine schwere Kindheit, aber das ist Geschichte und belastet ihn kaum. Es gibt keine Abgründe. Alle sind nett und höflich, bis auf den Mörder, versteht sich. Die Handlung dümpelt freundlich vor sich hin. Zwischendurch wird gut gegessen. Die Welt ist ein Winterwunderland. Dazu kommt eine sehr ziselierte Sprache, die durchaus hübsche Formulierungen enthält, aber überhaupt nicht zu dem angeblich aus einfachsten Verhältnissen stammenden Protagonisten passt.
Letztlich hat mich die Bitte meiner Tante am Ball gehalten, ich müsse ihr unbedingt und bitte ganz ehrlich sagen, was ich von dem Buch halte, sie habe es von einer Bekannten empfohlen bekommen, die literarisch sehr beschlagen sei und sonst nie Krimis lese. Na ja. Menschen, denen es allein auf eine schöne Sprache ankommt, wird dieses Buch sicher zusagen.

Havarie von Merle Kröger ist in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil. Vor allem ist es kein klassischer Krimi. Es gibt weder einen Kommissar, noch einen Mörder im herkömmlichen Sinn. Es gibt nicht einmal einen klaren Protagonisten.
Havarie erzählt vom zufälligen Zusammentreffen dreier Schiffe: einem Luxusliner, einem Containerfrachter und einem, mit 12 Flüchtlingen besetzten Schlauchboot in Seenot. Die Dramen, die sich dabei abspielen, werden in schnellen Sequenzen aus der Sicht von 11 Personen beleuchtet, die zum Teil auf den Schiffen, zum Teil aber auch an Land unterwegs sind. Dabei trägt jede der handelnden Figuren ihre eigenen Abgründe in sich. Niemand ist unversehrt. Trotzdem kommt es neben Tragödien auch zu Akten großer Menschlichkeit. Dabei wird nichts überhöht, nichts ausgeschmückt oder dramatisiert. Der Ausdruck wechselt gerade genug, um die einzelnen Figuren auch durch ihre Erzählweise kenntlich zu machen. Die Sprache bleibt aber im einen, wie im anderen Fall nüchtern, klar, präzise.
Ein Anhang mit Photos verleiht dem Inhalt zusätzliche Tiefe.
Keine einfache Kost. Aber ein großartiges Buch.

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Killmousky von Sibylle Lewitscharoff, erschienen 2014 bei Suhrkamp

Havarie von Merle Kröger, erschienen 2015 als Ariadne Kriminalroman im Argument Verlag

Frohes neues Jahr

In der Nacht zu heute ist etwas passiert, das in gewisser Weise zu meinem neuen Romans passt, in dem es im Kern um Vorurteile geht. Aber abgesehen davon, dass diese Geschichte wahr ist, ist sie einfach schön.

Um das Ganze zu verstehen, muss man ein bisschen über die Umgebung wissen, in der ich lebe: Ein großes Neubaugebiet in einer ehemaligen US Housing Area, die unmittelbar an eine Siedlung grenzt, die immer noch als sozialer Brennpunkt verschrieen ist. Ein Viertel mit vielen Nationalitäten und wenig Möglichkeiten etwas zu unternehmen; tagsüber ganz hübsch, aber nachts auch ein bisschen gruselig, wenn die Straßen leer sind, bis auf die Jugendlichen, die sich auf Spielplätzen und in dem kleinen Park die Kante geben. Auch, wenn mir noch nie etwas passiert ist: Gruppen Alkohol trinkender junger Männer sind mir suspekt. Gerade nachts und ich bin regelmäßig spät unterwegs, weil der Hund Auslauf braucht.

Auch diese Nacht war Mitternacht schon vorbei, als ich los kam, weil ich unbedingt noch einen Film zuende sehen wollte. Aus Richtung des Brennpunkts kamen Knallgeräusche. Silvester beginnt hier halt früher. Ich überlegte noch, ob ich deshalb einen anderen Weg nehmen sollte, als sonst, beschloss dann aber, dass vermutlich nur zwischen den Hochhäusern geballert wurde.
Dass das ein Irrtum war, erkannte ich, kurz nachdem ich aus unserer Wohnstraße auf das abgebogen war, was hier als Hauptstraße fungiert. Mir kam ein Trupp von ungefähr zehn Jugendlichen entgegen, die sich über die Straße hinweg mit Böllern bewarfen. Dazu gab es Gejohle, Gelächter und Geschrei in irgendeiner Sprache, die ich nicht verstehe. Dann hörte der Bürgersteig auf der anderen Straßenseite auf und alle kamen auf meine Seite rüber. Natürlich machten sie weiter, nur eben enger beieinander und fanden das totkomisch. Mir ging in dem Moment der Arsch ziemlich auf Grundeis.
Eine Frau allein auf einer dunklen Straße, nur begleitet von einem Hund im Katzenformat gegen eine Gruppe aufgeputschter, dunkelhaariger Jugendlicher. Keine Möglichkeit auszuweichen. Das ist der Stoff aus dem Alpträume und Horrorstories gemacht werden.

Wir waren noch ungefähr fünf Meter von einander entfernt, als der Erste mich bemerkte, sich umdrehte und den hinter ihm Gehenden zubrüllte: „Hört mal ’nen Moment auf, ey!“
Natürlich war nicht sofort Schluss, aber einer hinter schrie: „Zivilisten!“, und es bildete sich eine Gasse für Hund und mich. Die Knallerei stoppte und der Vorletzte wünschte: „Frohes neues Jahr.“
Den Wunsch habe ich gerne erwidert.

Und weil das einfach eine schöne Geschichte ist, möchte ich das Erlebte gerne mit euch teilen und dazu nutzen, euch ebenfalls einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr zu wünschen, auch wenn es eigentlich noch ein paar Stunden zu früh ist.