Geschichte

April Challenge: Warum ich schreibe

Klingt es arrogant, wenn ich sage: „Weil ich es kann und hoffe, damit irgendwann Geld zu verdienen“?
Egal, es stimmt. Es stimmt sogar in doppelter Hinsicht. Tatsächlich ist Schreiben eine der Tätigkeiten, die in meiner Situation drin sind. Meinen Beruf werde ich aus familiären Gründen nicht mehr ausüben können. Aus dem gleichen Grund kann ich auch nirgendwo als Angestellte arbeiten. Aber als Schriftstellerin hätte ich die Flexibilität, die ich brauche.
Das nötige Talent ist mir schon mehrfach bescheinigt worden. Nicht von der Familie, die frage ich bei sowas gar nicht erst, sondern von Leuten, wie Titus Müller oder André Hille, die was davon verstehen sollten und die kein Interesse haben, mir zu schmeicheln.

Andererseits kommt die Antwort: „Weil es Spaß macht“ vielleicht sympathischer rüber und wäre genauso richtig. Geschichten zu erfinden, heißt immer auch ein bisschen Gott zu spielen. Und Hand auf’s Herz: Wer malt sich die Welt nicht gelegentlich bunter und aufregender, als sie tatsächlich ist. In meinen Geschichten kann ich die Guten belohnen und die Bösen bestrafen, wenn mir danach ist. Ich kann Orte betreten, die mir in der Realität verschlossen sind und sogar Zeit und Raum manipulieren.
Ja, es ist anstrengend, aus diesen Phantasien eine gute Geschichte zu destillieren und die dann auch noch gut zu erzählen. Aber der Aufwand lohnt!

Überarbeiten ja, aber wie?

Das Überarbeiten von Texten ist ein Dauerthema für jeden, der sich ernsthaft mit dem Schreiben beschäftigt und entsprechend viele Anleitungen dazu gibt es. Dabei scheint weitgehende Einigkeit zu bestehen, dass man einen Text vor allem kürzen muss, damit er gut wird. Dem möchte ich im Folgenden ein bisschen widersprechen:

Eine Geschichte ist kein englischer Rasen, bei dem man allen Wildwuchs ausmerzen und alle Grashalme auf die gleiche Länge trimmen muss, damit er gut aussieht. Eher ist sie ein englischer Park, mit alten Bäumen, gewundenen Wegen und vielleicht einem versteckten See – um bei den gärtnerischen Vergleichen zu bleiben. Das Idealbild eines solchen Parks ist, dass alles ganz natürlich wirkt. Dabei beruht er auf genauer Planung. Jeder Weg, jede Blickachse ist vorab geplant, Bäume sind gezielt gepflanzt oder gerodet worden, der See vermutlich eigens ausgehoben und die malerische Ruine war nie intakt, sondern wurde bereits als Ruine gebaut.
Was der Landschaftsarchitekt bei der Anlage jedoch berücksichtigt, sind die natürlichen Gegebenheiten. Er sieht sich vorher um, macht sich mit dem Gelände vertraut, überlegt, welche Landschaftsmarken erhalten und betont werden sollten, wo etwas weggenommen und wo hinzugefügt werden muss.

Ähnlich sollte man meines Erachtens auch beim Überarbeiten von Manuskripten vorgehen. Also das Ding erst Mal lesen und sich Gedanken machen, was die Kernaussagen sind, wo die Handlung ins Klischee abgleitet und ob es irgendwelche Plotlöcher oder Brüche gibt, bevor man irgendetwas ändert. Danach macht man sich an die Planung zu konkreten Änderungen.
Auch wenn man kein Freund des Plottens ist, ist es spätestens jetzt sinnvoll, sich Notizen zu den einzelnen Szenen, den darin vorkommenden Personen und Orten zu machen und diese mit einem Zeitstrahl zu verbinden. Gerade bei komplexen Handlungen vermeidet man dadurch, dass eine Person, die eben noch in Stuttgart war, plötzlich in Detroit auftaucht, oder dass ein Nebencharakter mehr (oder wichtigere) Handlungsanteile hat, als der Protagonist.

Bei mir ergibt dieser Bearbeitungsschritt in der Regel nicht, dass gekürzt werden muss, sondern die Kernaussagen durch Handlung und/oder Beschreibung verstärkt werden müssen. Ich schreibe sehr gedrängt. Ausufernde Beschreibungen und Charakterisierungen sind nicht mein Ding, so dass der erste Entwurf oft noch skizzenhaft wirkt. Da heißt es dann nicht kürzen, sondern auffüllen. Das Gleiche gilt natürlich für Plotlöcher. Auch die werden nur durch Zufügungen kleiner.
Wenn das getan ist, lasse ich das Manuskript wieder für ein paar Wochen liegen und lese es ein zweites Mal auf Stimmigkeit. Den Prozess wiederhole ich so lange, bis ich im Wesentlichen zufrieden bin. Erst dann geht es an Details, wie das Kürzen von Bandwurmsätzen und das Ausrotten nichtssagender Adjektive.

Schreibtipp: Charaktere oder Handlung – eine falsch gestellte Frage

In Schreibratgebern wird viel Wert auf ausgearbeitete Charaktere gelegt und unter Autoren kursieren Dutzende von Charakterbögen, mit denen man Biographie und Psyche seiner Figuren bis in den letzten Winkel ausleuchten kann. Das ist alles sehr gut und berechtigt, so lange man eins nicht aus den Augen verliert: Im Roman gilt es, eine Geschichte zu erzählen.

Wenn man seine Charaktere ohne Rücksicht auf die spätere Handlung ausarbeitet, stößt man schnell an Grenzen. Die menschenscheue Jungfrau wird nicht von einem Moment zum nächsten auf eiskalte Verführerin umschwenken, nur weil der Plot es von ihr verlangt. Im besten Fall merkt der Autor das und verändert entweder die Figur oder sucht nach einer Handlungsalternative. Wo das nicht passiert, entstehen Brüche. Der Leser merkt den Eingriff, ärgert sich über unglaubwürdige Figuren, die unmotiviert durch die Handlung zappeln und schmeißt das Buch frustriert in die Ecke. Vielleicht schreibt er sogar noch eine schlechte Rezension.

Das andere Extrem, die Handlung exakt auszuarbeiten und die Figuren nur grob zu skizzieren, funktioniert aber vor allem im Action- und Abenteuergenre. Da die Leser hauptsächlich an der Handlung interessiert ist, akzeptieren sie Typen, wie James Bond, Indiana Jones oder die Marvel Superhelden. Auch im Heftroman erwarten Leser eher die Erfüllung von Klischees, als Charaktertiefe. In allen anderen Bereichen ärgert sich der Leser über blasse, klischeehafte Figuren,  die unmotiviert durch die Handlung zappeln und schmeißt das Buch frustriert in die Ecke. Vielleicht schreibt er sogar noch eine schlechte Rezension.

Die Lösung des Dilemmas besteht darin, beides im Auge zu behalten. Eine Handlung kommt dadurch zustande, dass die Figuren eine Entscheidung treffen. Welche das ist, hängt wesentlich von ihrem Charakter ab. Selbst Hercule Poirot denkt und handelt anders, als Miss Marple. Die Entscheidung zugunsten eines Charakters beeinflusst daher den Verlauf der ganzen Geschichte.
Dementsprechend wichtig ist es, den Charakter gleich im Hinblick auf die spätere Handlung festzulegen und ihm Eigenschaften zu verleihen, die es ermöglichen, genau diese Geschichte zu erleben. Danach kann man immer noch entscheiden, ob er groß oder klein sein soll, Stier oder Waage und ob er auf Death-Metall steht oder lieber Kammermusik hört.

Schreibtipp: Vergiss Schreibtipps, wenn du schreibst!

Zugegeben: Das klingt erst mal widersinnig. Es wird aber logisch, wenn man die Abschnitte des Schreibprozesses betrachtet.

  1. Zunächst mal braucht man eine Idee. Es folgen Recherche und weitere Beschäftigung mit dem Thema, bis man die Idee entweder verwirft oder für brauchbar erklärt.
  2. Plotter legen jetzt einen Zwischenschritt für die Planung ein, Pantser gehen gleich zum Punkt 3 über.
  3. Das eigentliche Schreiben. Angefangen beim ersten Wort bis hin zum Ende.
  4. Die Rohfassung wird überarbeitet.
  5. – wievielauchimmer sind weitere Überarbeitungen.

Schreibtipps nutzen bei den Punkten 2, 4, 5 usw. Für Plotter ist es natürlich sinnvoll, nach Dreiaktmodell, 7 – Punkte-Methode, 8er Bogenmodell, Heldenreise oder was auch immer einem am meisten liegt, zu planen, Plot- und Wendepunkte festzulegen, Spannungsbögen aufzubauen, Charaktereigenschaften festzulegen und, und, und.
Genauso ist es auch beim Überarbeiten. Natürlich sollte man da darauf achten, ob der 1. Wendepunkt etwa bei einem Drittel liegt, ob die Charaktere sich so verhalten, wie sie sollen, ob Dialoge natürlich wirken und ob sich der Text mit Adjektivitis infiziert hat.

Aber bei Punkt 3, beim Schreiben selbst darf man das alles getrost vergessen. Alles, was beim Schreiben zählt, ist das Schreiben auf das Ziel zu. Erst, wenn man das erreicht hat, darf man sich wieder an die ganzen Tipps und Regeln erinnern.
Das ist gemeint, wenn manchmal empfohlen wird, den inneren Lektor beim Schreiben wegzusperren.

Und noch ein Tipp: Gönnt euch einen Prosecco, einen Whisky oder was auch immer euer Lieblingsgetränk für besondere Anlässe ist und gratuliert euch selber zum Erfolg. Eine Geschichte, besonders einen Roman zuende zu schreiben, ist nämlich eine wirkliche Leistung!

P.S.: Diesen Schreibtipp solltest Du natürlich nicht vergessen.

Wie kommst du auf deine Ideen?

Ideen zu finden ist eigentlich einfach. Die ganze Welt ist voller Ideen, manche springen einen unvermittelt an, andere brauchen Zeit, zu reifen. Die Idee zu dem ersten Krimi keimte während einer Diskussion über Antikenhandel und Hehlerei bei Facebook. Das Thema ist sehr spannend und ich wusste sofort, dass ich darüber schreiben wollte. Die Idee zu dem zweiten Band hatte ich sogar schon bevor ich mit dem ersten angefangen habe. Sie entstand, während ich „Wer Wind säht“, von Nele Neuhaus gelesen habe – ein Buch, das mir nur in einem Punkt gefallen hat, nämlich dass die, die man als die „Guten“ einstuft, in Wahrheit „böse“ sind. Dieses Spiel mit Lesererwartungen beherrscht auch Jeffery Deaver (den ich übrigens sehr schätze) ganz ausgezeichnet. Während ich „Wer Wind säht“ las, wurde mir allmählich zwei Dinge klar, nämlich dass ich sowas auch schreiben will und das auf diesem Niveau auch kann, wenn nicht sogar besser.

Die viel größere Herausforderung besteht darin, aus einer Idee eine Geschichte zu machen. Das war mit der zweiten Idee – also dem Krimi über Antikenhandel und -hehlerei – viel leichter, schon weil das Thema konkreter ist als: „Ich will ein Buch schreiben, in dem unsere Kategorien von gut und böse in Frage gestellt werden“. Trotzdem ist natürlich auch das erste Buch voller Finten und falscher Spuren, die erst mal konstruiert werden mussten. Aber die ergaben sich ziemlich geradlinig aus der Person des Opfers. Das war beim zweiten Buch schon deutlich schwieriger, aber auch da hatte ich am Ende noch Ideen über.

Vielleicht greife ich die eine oder andere im dritten Band auf. Dafür fehlt mir bisher aber noch die Geschichte.