Handlung

Sex und Crime

Aktuell lese ich gerade „Die letzten Tage des Condor“ von James Grady und bin darin auf eine großartig geschriebene Sexszene gestoßen. Grady schreibt viel in erlebter Rede und erzeugt damit eine große Nähe des Lesers zu den Figuren. Auch in dieser Szene erlebt man die Gedanken und Gefühle von Faye Dozier unmittelbar mit.

Was mich umgehauen hat war, welche Gedanken sie dabei hat. Ich will nicht spoilern, aber so viel sei doch gesagt: Es hat nichts mit dem üblichen „Oh mein Gott, er ist so GROßARTIG und ich will ihn so sehr!“ zu tun. Ganz im Gegenteil. Grady lässt den Leser fast bis zum letzten Moment im Unklaren, was hier eigentlich passiert. Selbst, als beide schon miteinander im Bett sind, hat man als Leser den Eindruck, die Sache könne jederzeit in eine ganz andere Richtung kippen. Unglaublich spannend. Unglaublich gut!


James Grady, Die letzten Tage des Condor, Suhrkamp 2016, ISBN 978-3-518-46685-8

April Challenge (Tag 18): Auf der Suche nach dem Antagonisten

„The Antagonist takes over,“ lautet die heutige Aufgabe der Schreibchallenge von Kate Stark. Aber es ist wirklich schwer zu sagen, wer mein Antagonist ist. Schließlich schreibe ich keine Thriller in denen ein blutdurstiger Psychopath umgeht und von der Protagonistin (oder dem Protagonisten) erledigt werden muss. Meine Krimis kommen deutlich stiller daher und der Mörder versucht in der Regel unauffällig zu bleiben. Möglicherweise schreibe ich irgendwann auch mal einen Krimi mit einem psychopathischen Mörder, der die Ermittler aktiv herausfordert. Ein moderner Jack the Ripper. Aber in diesem Fall verhält sich der Täter so, wie sich die meisten Täter in der Realität verhalten, sofern sie die Tat nicht gleich gestehen: Er leugnet und versucht, unter dem Radar zu bleiben.

Vielleicht muss man deshalb den Fall als solchen als Antagonisten begreifen.
Der hat es deutlich in sich, denn das Opfer war – gelinde gesagt – ein Mistkerl, der seiner Umwelt mehr als genug Gründe geliefert hat, ihn umzubringen. Neben persönlichen Motiven wie Gier und Rache gibt es Hinweise auf eine Verstrickung in die organisierte Kriminalität. Zeugen gibt es keine, dafür aber jede Menge Verdächtige und je mehr die Ermittler herausfinden, desto weiter entfernt scheinen sie von der Auflösung entfernt.

So gesehen, ist der Fall wirklich der Antagonist, der den Ermittlern immer neue Hindernisse in den Weg legt und ganz besonders Jana Hirte, die Neue, zwingt, an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen und damit auch ihre persönlichen Beziehungen auf’s Spiel zu setzen.

April Challenge (Tag 10) Der hilfreichste Schreibtipp

Unter den tausend Schreibtipps für Autoren den einen, besten, hilfreichsten auszuwählen, ist gar nicht so einfach. Zuerst hätte ich gedacht, dass es auf so etwas hinausliefe wie: „vermeide Klischees!“, oder: „sei so konkret, wie möglich.“
Aber bei näherem Überlegen ist das natürlich Quatsch. Ein geschickt ausgewähltes und richtig eingesetztes Klischee kann einen Text durchaus bereichern (z. B. wenn man eine Figur auf ein Klischee hereinfallen lässt und sie gerade dadurch in Schwierigkeiten bringt) und konkrete Beschreibungen sind auch nicht immer angebracht. Wenn jemand nur kurz in eine Bar hineinschaut, reicht es z. B. zu schreiben:

Als er die Tür öffnete, schlug ihm der Gestank von schalem Bier und Pisse entgegen. Hier würde er die Baronin nicht finden.
(kein Zitat)

M. E. müsste das Kriterium für den hilfreichsten Schreibtipp aller Zeiten aber sein, dass er möglichst universell anwendbar ist. Ok, dann: „Schreib das verdammte Ding fertig!“ Klingt schon mal gut. Ist aber banal. Und nicht sehr überzeugend, weil ich selbst einen Haufen angefangenes und nie beendetes Zeug auf der Festplatte rumgammeln habe.
Die Offenbarung kam, als ich darüber nachdachte, warum ich meine Krimis fertig bekommen habe und die anderen Sachen nicht. Für die Krimis hatte ich einen detaillierten Ablaufplan fertig, bevor ich mit dem Schreiben angefangen habe. Bei den anderen Sachen habe ich mit nichts als einer tollen Idee angefangen (die Ideen sind immer noch toll, aber sie entwickelten sich beim Schreiben nicht weiter, sondern versandeten irgendwie).
Deshalb ist mein höchstpersönlicher Schreibtipp:

Plotte deine Geschichte, bevor du losschreibst!

Auch wenn du eine supertolle Idee hast und darauf brennst, loszuschreiben: Nimm dir die Zeit, den Ablauf deiner Geschichte in den wesentlichen Punkten festzulegen. Was passiert wann, warum und was folgt daraus? Das kostet ein bisschen Zeit, ist aber alles andere, als langweilig. In der Plotphase lässt sich die Geschichte noch in alle Richtungen auszuspinnen und man kann hemmungslos Möglichkeiten ausprobieren, um seine Protagonisten in Schwierigkeiten zu bringen und rauszuholen. Ich empfinde diese Phase als sehr befruchtend, weil dabei ganz neue Ideen entstehen, Handlungsalternativen, an die ich vorher gar nicht gedacht habe. Jetzt kann man in Ruhe abstimmen, was wann passiert und einen Spannungsbogen aufbauen, in dem die Ereignisse logisch aufeinander folgen. Und man hat eine Route, an die man sich beim Schreiben halten kann und die verhindert, dass man sich in der eigenen Geschichte verläuft.

April Challenge (Tag 8): Mein Lieblingsmärchen

„Fave Fairy Tale“ lautet die Tagesaufgabe der #aprilcampwritingchallenge und natürlich sind mir als erstes die klassischen Grimm’schen Märchen eingefallen. Aber so richtig begeistert mich davon keines. Sie sind ohnehin schon recht brav und seitdem sich Disney ihrer bemächtigt hat, so sehr mit Zucker überkrustet, dass es schon eine Spitzhacke braucht, um zu ihrem eigentlichen Charakter vorzudringen.
Bei den irischen und afrikanischen drängt sich auf Anhieb nichts auf und die klassischen Sagen handeln (genau wie die Edda) hauptsächlich von Männern, die irgendwelche Heldentaten erledigen, indem sie etwas abschlachten – bzw. irgendwelche strunzdummen Dinge tun, die unweigerlich auch in einem Blutbad enden.

Dann fiel mir ein Märchen ein, das ich aber erst nicht zuordnen konnte. Es spielt im Orient, aber ich war mir ziemlich sicher, es nicht in den Geschichten aus tausendundeiner Nacht gelesen zu haben. Also habe ich es gegoogelt. Es stammt aus den „Märchen aus Malula“* von Rafik Schami und trägt vermutlich den Titel „Das stille Wasser“ (leider habe ich keine Webseite gefunden, die eine Überschrift UND eine Zusammenfassung/Leseprobe enthielt). 

Das stille Wasser

Das Märchen handelt von einem unglaublich klugen Sultan, der eines Tages auf die Frage verfällt, was das Wasser beim Kochen murmelt. Weil niemand in seinem Umfeld – nicht einmal sein fast gleichsam kluger Wesir – diese Frage beantworten kann, verspricht er eine reiche Belohnung und natürlich findet sich schließlich jemand, der eine Antwort weiß: Eine junge und überaus kluge Frau.
Der Sultan ist entzückt von der Lösung und heiratet sie.
Ein Grimm’sches Märchen wäre hier zuende, das von Schami fängt hier gerade an. Statt die Ehe zu vollziehen, legt der Sultan in der Hochzeitsnacht ein Schwert zwischen sich und seine junge Frau und schläft ein, ohne sie auch nur berührt zu haben. Am nächsten Morgen schenkt er ihr eine Perlenkette mit der Aufgabe, sie dem gemeinsamen Sohn umzuhängen und eine versiegelte Schachtel mit Goldstücken und sagt, die Goldstücke dürfe sie behalten, wenn es ihr gelänge, die Schachtel zu öffnen, ohne sie zu zerstören oder das Siegel aufzubrechen. Wenn sie das tue, müsse sie sterben. Einmal im Jahr solle sich sein Wesir vom Zustand der Schachtel überzeugen. Dann reist er ab und lässt sie alleine zurück.
Zwanzig Jahre später verliebt sich die Tochter des Wesirs in einen jungen Gewürzhändler und drei Mal dürft ihr raten, wie das zusammenhängt und wie die Geschichte ausgeht. Aber wie es dazu kommt, verrate ich natürlich genauso wenig, wie den genauen Ausgang.

Was ich an diesem Märchen liebe, sind seine Wendungen und der Witz, mit dem es erzählt wird, vor allem aber die hinter allem stehende Raffinesse. Es gibt keine Götter, keine mythischen Monster und keine zufällig im richtigen Moment vorbeikommenden Jäger/Prinzen/whatsoever, sondern „nur“ zwei Menschen mit unterschiedlichen Zielen.

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Rafik Schami, Märchen aus Malula, dtv 1990 (ISBN 13: 978-3423112192)

 

April Challenge: Woran ich arbeite

Heute beginnt die von Kate Stark ins Leben gerufene #aprilcampwritingchallenge, die ich im letzten Beitrag ja schon kurz vorgestellt hatte. Die erste Aufgabe lautet: Your WIP, besteht also darin, das aktuelle Projekt vorzustellen.

Bei mir ist das ein Krimi über Antikenhehlerei, den ich letztes Jahr um Pfingsten rum beendet habe und der jetzt dementsprechend gut abgehangen ist. Das Manuskript besteht aktuell aus 279 Seiten und muss von Grund auf überarbeitet werden. Beim Korrekturlesen habe ich mir notiert, dass folgende Änderungen unbedingt notwendig sind:

  • Zwei neue Erzählperspektiven einführen, so dass die Geschichte aus drei, wie bisher aus einer Perspektive erzählt wird und alle drei Ermittler zu Wort kommen.
  • Eine Nebenhandlung streichen, die weder für den Plot, noch zum Verständnis der Protagonisten erforderlich ist.
  • Das Verhalten der Ermittler schlüssiger gestalten. Bisher agieren die oft noch sehr wechselhaft und daher wenig nachvollziehbar.
  • Die Ermittler sollen mehr Privatleben bekommen. Das gilt insbesondere, für meinen Hauptcharakter, Kriminalanwärterin Jana Hirte.
  • Die Handlung zwei Wochen vorverlegen, damit der Beginn der Handlung zu Janas Studiumszeiten passt.
  • Die einzelnen Szenen neu gewichten und in eine andere Reihenfolge bringen. Beim Plotten hatte ich zwar eine sehr genaue Vorstellung davon, warum was in welcher Reihenfolge passiert – diese Logik erschließt sich beim Lesen aber nicht.
  • Nicht zuletzt sind natürlich sind auch ein paar Plotlöcher aufgetaucht, die ausgefüllt werden müssen. Und wie das dann so ist, hat das Ausfüllen Auswirkungen auf den Rest der Handlung, so dass auch dadurch noch ein paar Sachen glattgezogen werden müssen.

Tja, ist eine Menge Arbeit. Aber in gewisser Weise freue ich mich drauf.

 

Let’s talk about Sex

Sex sells, heißt es. Und natürlich haben meine Protagonisten Sex. Dass er trotzdem in meinen Büchern vergleichsweise wenig Raum einnimmt, liegt aber nicht nur daran, dass ich es schwierig finde, Sexszenen zu schreiben.
Ich habe beim Schreiben von Sexszenen immer das Gefühl eines Balanceakts, bei dem man sich vorsichtig auf dem schmalen Grat zwischen unfreiwilliger, oft grotesker Komik und rein mechanischen Beschreibungen vorantastet, während über einem das große, allesverschlingende Klischee lauert. Gruselig!

Der wesentliche Grund ist aber, dass für mich Partnerschaft und Sex nur eine Spielart menschlicher Beziehungen sind. Deshalb sehe ich auch gar keinen Grund, jeder Figur auch einen Love Interest mitzugeben.
Als Folge haben meine Protagonisten im ersten Band schlicht Anderes zu tun haben, als ständig darüber nachzudenken, wann, wo und mit wem sie die nächste Nummer schieben wollen und ihre privaten Beziehungen sind vergleichsweise unspektakulär. Natürlich beeinflusst ein Streit mit dem Partner die Arbeit. Aber das ist eher die Ausnahme und Jana, die im ersten Band (noch) solo ist, lebt sowieso ihr halbes Leben online. Als sich die Möglichkeit einer Beziehung anbahnt, ist das für sie erst Mal eine zusätzliche Belastung.
Im zweiten Band ändert sich das zugegebenermaßen, was aber mit dem Plot zu tun hat, der ohne diese Nebenhandlung willkürlich wirken würde.

Realismus vs. Spannung

Als ich neulich auf Twitter rumgefragt habe, worüber ich bloggen soll, kam die Frage, warum es so schwer ist, realistische Krimis spannend zu gestalten. Ganz sicher bin ich mir bei der Antwort auch nicht. Aber ich glaube, dass man die Frage sogar noch weiter verallgemeinern kann.

Warum ist es so schwer, gleichzeitig realistisch und spannend zu erzählen?

Das Problem betrifft Autoren aller Genres, ob sie nun Krimis, Erotik, Abenteuer- oder Liebesromane schreiben. Eine realistische Sexszene wirkt oft eher peinlich technisch oder unfreiwillig komisch, eine realistische Liebesgeschichte ist ähnlich prickelnd, wie abgestandener, lauwarmer Champagner und ein realistischer Krimi – zum Gähnen!

Realität ist banal

Das gilt sogar für Mord und Totschlag. Der unbekannte Tote mit der verwickelten Vergangenheit ist die Ausnahme. Auch, wenn es schwer zu ertragen ist: Bei den meisten Tötungsdelikten haben sich Täter und Opfer vorher gekannt. Natürlich gibt es auch den Räuber, der seine Beute sichern und den besoffenen Autofahrer, der eine Polizeisperre durchbricht, weil er seinen Lappen nicht riskieren will. Trotzdem sind die meisten Tötungsdelikte Beziehungstaten. Da wird ein Kind zu Tode geschüttelt, weil es zu laut und anhaltend geschrien hat. Ein alter Mensch im Bett erstickt, weil die pflegende Verwandte (meist sind das Frauen) das ständige Genörgel nicht mehr erträgt. Ehefrauen erstechen ihre Ehemänner, Männer erschlagen ihre Frauen oder Saufkumpel.
Und am Ende ist es sogar oft der Täter selbst, der die Polizei benachrichtigt (bzw. die Täterin). Fall gelöst.

Realität ist kleinteilig

Schauen wir bei uns selber: Selbst ein gewöhnlicher Tag besteht aus unzähligen kleinen Handlungen: Aufstehen, waschen, Zähne putzen, rasieren/schminken, anziehen … Das alles zu beschreiben, kann man keinem Leser zumuten. Aber selbst, wenn man sich auf die Eigenheiten des Genres konzentriert, bleibt es komplex und kleinteilig.
Um diese Behauptung kurz am Beispiel Krimi zu erläutern: Bei echten Mordermittlungen werden ganze Teams von teilweise hochspezialisierten Experten hinzugezogen, die ihrerseits aber nur winzige Teilbereiche bearbeiten – und die der Kommissar und seine treuen Gefährten im Normalfall gar nicht zu sehen bekommen. Bei Obduktionen z. B. ist nur selten ein Ermittler anwesend und die bei der Obduktion entnommenen Proben werden an Labore weitergegeben, wo sie von verschiedenen Wissenschaftlern untersucht werden. Wieder ein anderes Labor untersucht Fasern und ein drittes ist z. B. für Beschusstests zuständig. Die Ergebnisse werden als Gutachten an die Ermittler weitergegeben.
Bei einer realistischen Schilderung müsste man also entweder jeden Spezialisten kurz auftauchen lassen, wenn er gerade etwas für den Fall relevantes tut oder die Ermittler einander die Inhalte der Gutachten referieren lassen (was sie tatsächlich tun).

Realität ist langwierig

Selbst, wenn die Pathologie nicht überlastet ist und jedes Labor nur darauf wartet, mit den Untersuchungen zu beginnen: Die Tests dauern. Ein Gaschromatograph braucht zwar in der Regel unter einer Stunde, um Ergebnisse auszuspucken, aber eine DNA-Analyse braucht 2 Tage und danach müssen noch die Gutachten geschrieben werden. In der Pathologie geschieht das nicht durch die Gerichtsmediziner, sondern durch ein Schreibbüro. Anschließend geht es zur Prüfung zurück in die Gerichtsmedizin und erst, wenn der zuständige Pathologe sein ok gibt, weiter an die Kripo.
Auch Zeugenbefragungen dauern – selbst, wenn man am Ende feststellt, dass der Zeuge nichts gesehen oder gehört hat. Außerdem müssen Formulare ausgefüllt und Aktenvermerke geschrieben werden, was ebenfalls dauert, mich aber gleich zum nächsten Punkt bringt.

Realität ist zum größten Teil Routine

Routine, also das ewig Gleiche, ist so ziemlich das absolute Gegenteil von Spannung. Gleichzeitig helfen Routinen aber auch, nichts zu vergessen und deshalb herrscht natürlich auch bei Ermittlungen viel Routine. Dagegen könnte man natürlich einwenden, ein Laie kenne die Abläufe in einem Kommissariat, bei der Tatortbegehung oder in der Gerichtsmedizin nicht, deshalb seien sie für den Leser eben doch neu und spannend.
Dass das nicht stimmt, zeigen m. E. die Romane von Jeffery Deaver sehr gut. Btw.: Ich bin ein großer Fan von Deaver, aber spätestens seit dem 2. Band weiß ich, wie Lincoln Rhyme einen Tatort untersucht haben will und fange an zu gähnen, wenn Amelia wieder einmal in ihren Tyvekanzug schlüpft und anfängt, das Gitternetz abzuschreiten (inwieweit diese Art der Untersuchung tatsächlich realistisch ist und ob sie in Deutschland praktiziert wird, ist noch eine ganz andere Frage). Genauso ist es mit Leichenöffnungen. Anfangs ist es vielleicht noch spannend, den Pathologen „zuzusehen“, wie sie die Leiche erst äußerlich untersuchen und die Befunde dokumentieren, dann Brustkorb und Abdomen öffnen, die Organe entnehmen und wiegen, Proben von Gewebe und Körperflüssigkeiten sichern, den Schädel öffnen, das Hirn und das Schädelinnere untersuchen und am Ende alles wieder verschließen. Aber beim 5. Mal wird es – Routine. Man will dann nicht mehr erzählt bekommen, dass der Bauch aufgeschnitten wird, um die Organe rauszunehmen und zu wiegen. Schon gar nicht, wenn die Todesursache eindeutig und vollkommen unstrittig ein Kopfschuss ist. Und jetzt stellt euch bitte vor, vor jeder Zeugenbefragung würde der Autor seine Kommissare auch noch die Personalien feststellen lassen.

Spannung ist Konzentration

Spannung entsteht, wenn Dinge in engem zeitlichen oder räumlichen Zusammenhang passieren, man das Ergebnis aber nicht absehen kann. Spannung hat viel mit Erwartung zu tun.
Das heißt im Umkehrschluss, dass man das ganze banale, routinemäßige Klein-Klein, das den überwiegenden Teil der Realität ausmacht herausfiltern und sich auf den Rest konzentrieren muss. Es bedeutet, aus den vielen Spezialisten ein kleines Team zu machen, wie bei Navy CIS, CSI, Bones oder Crossing Jordan. Es bedeutet, zeitlich und räumlich zu raffen, um Durchhänger zu vermeiden. Es bedeutet, die ganzen unwesentlichen Spuren auszublenden, es sei denn, aus ihnen ergeben sich wirklich gute Red Herrings. Und natürlich bedeutet es, zu dramatisieren.

Und wie schon oben gesagt, gilt das alles nicht nur für Krimis. Auch in allen anderen Genres muss man die Zahl der handelnden Figuren kontrolliert halten (es sei denn, man schreibt für Liebhaber des russischen Gesellschaftsromans im ausgehenden 19. Jahrhundert), die Handlung straffen und dramatisieren.

Eigentlich, aber …!

Eigentlich wollte ich meinen nächsten Krimi mit Antagonisten aus der linken Szene besetzen.
Aber die Realität macht mir diese Entscheidung sehr, sehr schwer, weil sich die radikale Rechte und ihre bürgerlichen Mitläufer derzeit so für die Schurkenrolle anbieten, dass ich ernsthaft überlege, diese Entscheidung über den Haufen zu werfen.

Dabei schreibe ich eigentlich gar keine politischen Romane.
Aber manchmal sind Ähnlichkeiten mit tatsächlich geplanten Personen oder Gruppen weder geplant, noch gewollt, sondern unvermeidlich.

Werkstattberichte: Wie suchst du deine Betaleser aus?

Auf Twitter hatte ich gefragt, worüber ich mal bloggen sollte und „Wie suchst du deine Betaleser aus“, war eine der ersten Fragen, die gestellt wurden.
Die einfachste Antwort wäre natürlich: Sehr sorgfältig. Aber das wäre sowohl der Fragestellerin gegenüber unfair, als auch der Bedeutung von Betalesern unangemessen.

Um es vorweg zu sagen: gute Betaleser sind Gold wert! Haltet sie euch auf jeden Fall warm.

Welche Eigenschaften sollte ein Betaleser mitbringen?

Grundsätzlich kann man natürlich jeden zum Betaleser machen, der sich dazu bereit erklärt. Ich halte das allerdings nicht für sinnvoll. Sinn hat das Ganze nur, wenn es einem hilft, sich zu verbessern und da sind für mich drei Dinge entscheidend:

  1. Zuerst einmal muss ein Betaleser etwas vom Genre verstehen, in dem ich unterwegs bin. Damit scheidet die Hälfte meiner Familie sofort aus. Meine Mutter z. B. lehnt Krimis per se ab, mein Vater liest wenn es hoch kommt ein Buch im Jahr und mein Mann ist zwar Vielleser – liest aber ausschließlich Fach- und Sachbücher.
  2. Der zweite Punkt ist deutlich schwieriger zu beschreiben. Er betrifft das persönliche Verhältnis zum Betaleser: Nichts spricht gegen Freundschaft, aber wichtiger ist gegenseitiger Respekt. Wenn man lange und intensiv an einem Text gearbeitet hat, wird man irgendwann blind für dessen Schwächen. Man liebt seine Figuren, ist hingerissen von der Handlung und übersieht Plotlöcher, in denen ganze Eisenbahnzüge verschwinden können. Dann kommt der Betaleser. Ich gehe davon aus, dass sich niemand als Betaleser anbietet, weil er dem Autor Böses will und seine Kritik möglichst sachlich äußert. Daher gibt es drei mögliche Szenarien:
    Der Betaleser sieht die Schwächen und schweigt aus Höflichkeit, weil er den Autor nicht verletzen will. Das gibt Feedbacks wie: „Ja, wirklich schönes Buch, habe mich gut unterhalten gefühlt. Wirklich sehr nett.“ Artiges Wischi-Waschi, das vielleicht das Ego streichelt, einen als Autor aber nicht voran bringt und den Text kein Stück besser macht.
    Das zweite Szenario ist genauso schlimm: Der Betaleser sagt, was ihm nicht gefallen hat und wo er Probleme sieht und das Ganze rutscht auf eine persönliche Schiene. Der Autor fühlt sich angegriffen und verteidigt sein Werk: „Hey, aber er muss sie doch innig küssen, obwohl sie 20 Minuten vorher gekotzt und danach mit einem Glas Rotwein gegurgelt hat.  Ich brauche doch eine Liebesszene, bevor er sie im nächsten Kapitel verlässt. Außerdem spielt er ihr doch nur vor, dass er sie liebt …“ Ich gestehe, dass sich mir bei manchen Kritiken auch die Stacheln hochstellen, aber ganz schlimm wird es immer, wenn noch persönliche Beziehungen mit ins Spiel kommen. Deshalb scheiden für mich auch alle die als Betaleser aus, bei denen ich von vornherein weiß, dass ich dazu neige, ihre Kritik persönlich zu nehmen. Meine Schwester ist so ein Fall. Wir mögen uns sehr, aber jede inhaltliche Uneinigkeit rutscht unweigerlich irgendwann ins persönliche ab. Das muss man sich und dem anderen nicht antun. Außerdem bringt es einen als Autor auch nicht weiter.
    Optimal ist das dritte Szenario, bei dem Autor und Betaleser mit respektvoller, professioneller Distanz auf einander reagieren. Das heißt, dass der Betaleser offen und ehrlich seine Meinung sagt und der Autor sie als wertvolle Information auffassen kann.
  3. Als drittes muss ein Betaleser sorgfältig sein. Damit meine ich weder ein Lektorat, noch ein Korrektorat, sondern Hinweise auf inhaltliche Widersprüche oder andere Unstimmigkeiten. „Meinst du wirklich, dass sich deine Kommissare noch darüber unterhalten, wie unangenehm es ist, Angehörigen die Todesnachricht zu überbringen?“, ist eine sehr berechtigte Frage. Das Gleiche gilt für: „Alex Kopfschmerztabletten – einmal drei, einmal zwei Tabletten? Gewohnheitsmäßig würde ich denken, dass man immer die gleiche Anzahl schluckt, oder?“ Aber wenn ein Testleser fragt, woher jemand weiß, „dass die von der Polizei sind“, obwohl im Satz davor steht: „Nachdem Friedensbach sie vorgestellt hatte … (Friedensbach ist KHK und in Begleitung von zwei weiteren Kripobeamten), dann glaube zumindest ich nicht, dass der Fehler bei mir liegt.

Wie findest du die richtigen Betaleser

Nachdem ich gerade so viel über wünschenswerte Fähigkeiten und Ausschlusskriterien geschrieben habe, muss ich gestehen, meine Betaleser ganz einfach zu finden: Über Versuch und Irrtum. Natürlich habe ich meine Texte zuerst allen Freunden gegeben, die bereit waren, sie zu lesen und zu kommentieren. Außerdem war ich einige Zeit in Autorenforen unterwegs und habe von da auch einige Kontakte mitgenommen. Vor allem habe ich aber das unschätzbare Glück, dass eine gute Freundin nicht nur begeisterte Krimileserin ist, sondern auch Journalistin und ebenfalls Schriftstellerin, wenn auch in einem anderen Genre. Der Austausch mit ihr ist ungemein hilfreich und ihrem Urteil vertraue ich nahezu blind. Sie ist im Ernstfall, wenn die Meinungen zu einer Szene oder Textpassage auseinander gehen, nicht nur Zünglein an der Waage, sondern ein Schwergewicht in der Waagschale. Dafür an dieser Stelle ganz herzlichen Dank, Doro (falls du es lesen solltest). Es ist immer eine Freude, mit dir zusammen zu arbeiten.
Aber es ist nicht so, dass meine Testleser ein illustrer, geschlossener Kreis wären. Wenn ich merke, dass jemand gerne möchte und das Gefühl habe, es könnte passen, dann frage ich auch.

Orte beschreiben und/oder erschaffen?

In Paula Grimms Blog bin ich auf folgende Fragestellung für eine Blogparade gestoßen:

Darf man Orte, die real existieren in seiner Beschreibung verändern und wenn ja, was muss man dabei beachten? Ich bin gespannt auf Artikel, in denen Ihr Eure Erfahrungen mit der Erfindung neuer Orte, den Recherchen über bestehende Plätze, Veränderungen von Orten berichtet. Was ist der schönste Ort, den Ihr je erfunden habt? Was ist Eure schönste Beschreibung von Orten, über die Ihr etwas geschrieben habt? Erwähnt Ihr es, wenn Ihr einen Ort „naturgetreu“ oder verändert beschreibt und wenn ja, an welcher Stelle Eurer Texte und wie? In welchen Genres erfindet oder verändert Ihr Orte besonders gern? Wann muss es ein realer Ort sein?

Die Fragestellung finde ich schon deshalb interessant, weil die Frage bei den Diskussionen, die ich früher geführt habe, immer andersrum gestellt wurde: „Darf man reale Orte verwenden oder muss man sie so weit verändern, dass sicher gestellt ist, dass man niemandem auf die Füße tritt?“ Auf der gleichen Linie liegt eine Reaktion meines Mannes auf folgende Textstelle aus dem Entwurf meines ersten Krimis. Dort heißt es:

„Aber wir wollten wirklich nur mit dem Hund …“, sagte der Mann kleinlaut. „Bitte, das können Sie auch nachprüfen. Alle unsere Nachbarn wissen, dass wir immer um diese Zeit unsere Runde machen.“
„Genau“, warf seine Frau ein. „Fragen Sie sie nur. Kindermann, Ernst und Luise Kindermann. Am Pfarrhof 12. Sie können wirklich jeden fragen.“

Mein Mann fragte sofort: „Die Adresse gibt es aber nicht, oder? Nicht, dass jemand denkt, derjenige haben wirklich …“
Bei der Frage ist mir, glaube ich, der Unterkiefer runtergeklappt. Natürlich hatte ich eine real existierende Straße genommen. Ich schreibe Krimis, die in Frankfurt und Umgebung spielen und wenn ich einen Orts- oder Straßennamen nenne, sollte man die auch finden und wiedererkennen können. Aber es ist doch wohl klar, dass der Rest Fiktion ist, oder?

Damit ist ein Teil der Frage schon beantwortet: Ja, ich verwende real existierende Orte und ich bemühe mich sogar, sie so realistisch, wie möglich zu beschreiben. Dazu recherchiere ich, zuerst auf Google, dann auch vor Ort. Google ist nämlich alles andere, als zuverlässig. Die Bilder sind oft veraltet und daher sehen Häuser auf Google Streetview oft ganz anders aus, als in der Realität. Oder sind inzwischen abgerissen. Und von Äckern, Wäldern und Parks gibt es sowieso kein Streetview.
Aber was heißt realistisch und was ist möglich?

Autoren erfinden oder verändern Orte

In der Physik gibt es den Satz, dass man nichts beobachten kann, ohne das beobachtete Objekt zu verändern. In gewisser Weise gilt das auch für Autoren. Selbst, wenn wir realistisch erzählen, raffen wir Zeit und Raum, wenn es für die Geschichte notwendig ist. Wenn wir es nicht täten, läse sich eine Fahrt durch eine beliebige Stadt etwa so spannend, wie ein Stadtplan. Den Leser interessiert aber nicht, an welchen Straßen man vorbei gefahren ist, sondern nur das Ziel und mögliche Hindernisse. Selbst Sehenswürdigkeiten oder besondere Landmarken können oft getrost ausgeblendet werden, wenn sie keine Bedeutung für die Handlung haben.
Ich sage bewusst „oft“, weil es natürlich auch Ausnahmen gibt. Jemand, der einen Ort das erste Mal besucht, wird Landmarken viel bewusster wahrnehmen, als ein Einheimischer. Und ein Tourist wird ganz bewusst nach Sehenswürdigkeiten Ausschau halten.

Damit sind wir beim nächsten Punkt: Nicht nur die Handlung hat Einfluss auf die Beschreibung eines Orts, sondern auch die Wahrnehmung durch Protagonisten bzw. Erzähler. Hypothermie hat dazu schon gebloggt. Er bezieht sich dabei vor allem auf das (Hintergrund-)Wissen der Erzähler/Protagonisten. In soweit gebe ich ihm vollkommen recht. Ein Biologe nimmt ein Stück Landschaft anders wahr, als ein Bauer oder ein Städter. Der Biologe registriert das Vorhandensein oder die Abwesenheit verschiedener Pflanzen und Tiere und schließt auf die Intaktheit des Ökosystems. Der Bauer sieht die Qualität des Bodens, für welche Art der Bewirtschaftung er geeignet ist und ob die Apfelbäume einen Kurschnitt brauchen. Der Städter sieht Felder, Wiesen und ein paar Bäume.
Aber neben dem Wissen bestimmt auch die Haltung des Betrachters die Wahrnehmung. Sie entscheidet z. B. ob der Städter in den Feldern, Wiesen und Bäumen, die er sieht, ein ländliches Idyll erkennt (was zu einer entsprechend lyrischen Beschreibung führen würde) oder ob er sie als langweilig abtut. Der Bauer ärgert sich, vielleicht, dass er Rüben gesäht hat und keinen Weizen, weil das Wetter viel besser für Weizen gewesen wäre und der Biologe stellt erfreut fest, dass das neu entwickelte Unkrautvernichtungsmittel hervorragend wirkt, auch wenn es in diesem Jahr bedauernswert wenige Bienen gibt. Und Städter, wie Biologe ärgern sich, wenn sie in einen Kuhfladen treten, während der Bauer den gar nicht wahr nimmt, weil er klischeegemäß Gummistiefel trägt, die er vor der Haustür ausziehen wird.

Was ist realistisch?

Um auf die Frage von oben zurück zu kommen: Realismus heißt für mich nicht, einen Ort so objektiv wie möglich darzustellen, sondern ihn so abzubilden, wie er in der aktuellen Wahrnehmung des Protagonisten erscheint, aus dessen Perspektive ich gerade erzähle. (Uff, was für ein Satz!)

Und bei allem Realismus und aller Recherche erfinde ich auch einiges.
Ein Grund kann sein, dass die Geschichte an Orten spielt, die mir nur schwer zugänglich sind und es für die Geschichte nicht darauf ankommt, ob dieser Ort in der Realität auch wirklich so aussieht, wie beschrieben. Ein Beispiel dafür sind Treppenhäuser und Privatwohnungen. In meinem aktuellen Roman gibt es z. B. eine Szene, in der die Ermittler das Treppenhaus einer Firma betreten, die im Hinterhof eines Gewerbegebiets liegt. Das Gewerbegebiet gibt es. Den Hinterhof auch. Er ist verwinkelt und ein bisschen spooky, was auch an den schäbigen Gebäuden drum herum liegt. Das Treppenhaus dagegen besteht aus glänzendem schwarzem Granit und blitzweißen Wänden. Vermutlich existiert es nur in meiner Vorstellung, aber indem ich es beschreibe, will ich einen Eindruck von der Firma vermitteln, die dort ihren Sitz hat (und die natürlich genauso fiktiv ist, wie das Treppenhaus).
Ein anderer Grund ist, dass es gute Gründe haben kann, bestimmte Ereignisse nicht an realen Orten stattfinden zu lassen. Wenn ich z. B. über mordende Krankenschwestern und ärztlichen Abrechnungsbetrug schreiben würde (was ich, jedenfalls für den Moment, nicht vorhabe), würde ich es mir dreimal überlegen, das in einem bestehenden Institut der Uniklinik Frankfurt stattfinden zu lassen. Das Gleiche gilt, wenn ich meine Kommissare essen gehen ließe, um einem gebackene Schabe auf Toast zu servieren. Auch andere, potentiell geschäftsschädigende Ereignisse, die im schlimmsten Fall eine Verleumdungsklage nach sich ziehen könnten, verlagere ich an fiktive Orte.
Und wenn ich in einer Straße unbedingt ein Eiscafe brauche, es dort aber nur fünf Bäckereien, eine Zoohandlung, eine Metzgerei und ein Nagelstudio gibt, erfinde ich sogar das Eiscafe. Geschäfte wechseln. Ob in der Straße nun ein Eiscafé mehr oder eine Bäckerei weniger ist, ändert ihren Charakter nicht grundlegend. Etwas anderes wäre es, das Eiscafé mitten im Wohngebiet anzusiedeln. Oder in dem beschriebenen netten Einkaufssträßchen einen Puff zu eröffenen – es sei denn, der Puff ist neu und provoziert den Ärger der Ansässigen. DAS wäre schon wieder realistisch.