Mord

Ausgelesen: Die letzten Tage des Condor

Wer kennt ihn noch: Ronald Malcolm, den Helden aus „die sechs Tage des Condor“? Er ist wieder da und wieder hat er eigentlich einen ruhigen Schreibtischjob. Die Jahre dazwischen waren allerdings ein bisschen aufregender und haben ihn schließlich in ein Irrenhaus der CIA gebracht. Jetzt kontrolliert die Homeland Security, ob er auch brav und regelmäßig seine Medikamente nimmt.

Ohne zu viel zu spoilern: Tut er nicht und das ist auch gut so. Denn als einer der Homeland Security Agents in seiner Wohnung ermordet wird, muss Ronald Malcolm alias Vin alias Condor wieder alle Kräfte zusammennehmen, um zu entkommen. Seine Verfolger sind hervorragend augerüstet und gehen im wahrsten Wortsinn über Leichen. Wer sie sind, bleibt genretypisch bis zum Ende offen.

Das ist schon sehr spannend, aber was diesen Thriller besonders macht, ist die Sprache. Grady erzählt über weite Strecken in erlebter Rede; einer Technik, bei der Beschreibung, Reflektion und Assoziation ineinander fließen. Das ist nicht immer leicht verständlich und gerade am Anfang irritierend, aber wenn man sich daran gewöhnt hat, kommt man den Figuren unglaublich nahe und die Geschichte gewinnt zusätzliche Dynamik. Mir hat es, nach anfänglichen Schwierigkeiten richtig Spaß gebracht.

Man muss die sechs Tage des Condor nicht gelesen haben, um diese Geschichte zu verstehen. Aber es wäre eine gute Gelegenheit, das Buch noch mal vorzuholen. Oder sich die Verfilmung mit Robert Redford noch einmal anzusehen (in der es nur noch drei Tage sind).


James Grady, Die letzten Tage des Condor, Suhrkamp Taschenbuch 2016, ISBN-13: 978-3518466858

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Bin ich eine politische Schriftstellerin?

Auf Twitter äußere ich mich recht oft zu politischen Themen. Ich habe eine Meinung und die kann auch jeder kennen. Natürlich schlägt das auch auf meine Krimis durch. Trotzdem würde ich mich nie als politische Schriftstellerin bezeichnen. Mein Ziel ist, Bücher zu Schreiben, die Spaß machen. Nicht, eine Meinung zu verbreiten – egal, wessen.

Ganz im Gegenteil: Bücher, die ganz offensichtlich dazu geschrieben sind, eine bestimmte Weltsicht zu propagieren, finde ich grauenhaft. Es gab mal so einen Trend im Krimibereich. Frauenkrimis, bei denen alle Männer Schweine und alle Frauen entweder Feministinnen (gut) oder arme Opfer waren. Die besten Feministinnen waren Lesben.
Literaturgeschichtlich waren diese Krimis bahnbrechend. Sie brachen mit dem Klischee dass Detektivarbeit Männersache sei. Sie brachen mit dem Klischee, dass Frauen in politischen Romanen keine aktive – und schon gar keine positive Rolle zu spielen hatten. Und sie behandelten Lesben nicht mehr als Frauen, die nur nicht den richtigen Mann gefunden hatten.
Trotzdem waren sie grauenhaft.

Solche Bücher will ich nicht schreiben, auch wenn ich oben gesagt habe, dass meine Meinung natürlich auf meine Krimis durchschlägt. Aber damit meine ich nicht, dass ich meinen Lesern vorschreibe, wie sie zu denken haben. Die Meinungen meiner Protagonisten entsprechen auch nicht unbedingt meiner eigenen. Teilweise laufen sie ihr sogar diametral entgegen und das ist auch gut so.
Wenn ich sage, dass meine Meinung natürlich auf meine Krimis durchschlägt, meine ich die Wahl des Stoffs, also des zugrundeliegenden Themas. Meine Krimis haben neben dem Mord, der aufgeklärt werden muss, immer auch ein Thema. Bei „Bodenfund“ den ich gerade überarbeite, ist das Antikenhehlerei. Und auch wenn ich natürlich eine Meinung dazu habe, versuche ich, das Thema von möglichst vielen Seiten zu beleuchten, ohne die Meinung des Lesers in die eine oder andere Richtung zu lenken. Schließlich will ich in erster Linie meine Leser unterhalten, indem ich eine spannende Geschichte erzähle.

 

Mord verjährt nicht

Im letzten Beitrag hatte ich schon davon erzählt, dass mir eine Kurzgeschichte im Hirn herumspukt, für die ich eigentlich keine Zeit habe. Nun, offenbar will das Universum, mein Karma oder was auch immer, dass ich diese Geschichte schreibe, denn seit ein paar Tagen habe ich eine extrem fiese Erkältung mit allem, was dazu gehört. Ohne in die Einzelheiten zu gehen: So richtig konzentrieren kann ich mich damit nicht. Jedenfalls nicht genug, um die notwendigen Arbeiten an „Bodenfund“ (oder wie auch immer der erste Roman am Ende heißen wird) abzuschließen.

Aber um schlecht zu schreiben, reicht es gerade noch. Und wenn man sich etwas schlecht geschriebenes zum Ziel setzt, schreibt es sich sehr ungeniert. Also schreibe ich jetzt am Entwurf einer Kurzgeschichte, die in Friedensbachs Kindheit spielt und die ganz gut erklärt, warum er kein Blut sehen kann. Kein klassischer Krimi, aber ich hoffe, dass sie nicht nur als Hintergrundstory etwas taugt.

April Challenge (Tag 19) – Schreibanregung

Zugegeben: Ich selbst nutze Writing Prompts nur selten, weil es sich bei mir ja meist darum dreht, eine Geschichte logisch vom Mord zu seiner Aufklärung zu entwickeln und dabei ein paar falsche Fährten auszulegen. Wenn ich dabei mal nicht weiter weiß, hilft meist schon die Frage, was in der konkreten Situation die für den handelnden Charakter unangenehmste Entwicklung wäre. Charaktere quälen macht Spaß und ist immer wieder inspirierend.

Aber wenn du einen Startschuss oder eine Anregung brauchst, um eine Kurzgeschichte anzufangen oder eine Schreibblockade zu überwinden, versuch’s mal diesen Trick:

Nimm das unterste Buch von deinem SUB*, schlag es auf einer beliebigen Seite auf, lies den ersten Satz des ersten Absatzes und nimm ihn als Anfang deiner Geschichte.
Bei mir wäre das aktuell „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ von Michael Köhlmeier. Bei dem vorgeschlagenen Verfahren lande ich auf Seite 304 und dem Satz:

Ich bin kein Theologe, aber ich finde, in einem katholischen Land wie Liechtenstein, das von einem christlichen Fürsten nach christlichen Grundsätzen vortrefflich geführt wird, sollte auf die Ausführungen eines Kirchenmannes gehört werden.

Offensichtlich passiert aber genau das nicht. Warum nicht? Und wer ist der Kirchenmann, auf den nicht gehört wird? In welchem Verhältnis steht er zum Erzähler? Sind sie verwandt? Geschäftsfreunde? Was für Geschäfte? Krumme, flüstert meine kriminelle Muse von hinten. Sehr krumme. Damit lässt sich was anfangen, was meinst du?


*SUB = Stapel ungelesener Bücher

Werkstattberichte: Mein Ermittlerteam

Wie man aus den anderen Einträgen herauslesen kann, schicke ich in meinen Krimis ein Ermittlerteam ins Rennen. Alles andere wäre unrealistisch, selbst nach den Maßstäben des Romans (Zum Thema Realismus im Krimi mehr hier). Einsame Bullen, wie Friedrich Anis Hauptfigur Tabor Süden sind nur glaubhaft, wenn sie (wie Süden) außerhalb ihrer eigentlichen Kompetenzbereiche agieren oder (wie Maigret) einer vergangenen Epoche angehören. Moderne Polizeiarbeit heißt Arbeit im Team.
Mein Team hat sich auf etwas unorthodoxe Weise gebildet, d.h. ich habe nicht mit dem klugen Kommissar angefangen und ihm gendergerecht eine jungdynamische Kollegin an die Seite gestellt. Meine erste Figur war Kriminalkommissaranwärterin Jana Hirte. Eine Berufsanfängerin oder, besser gesagt: jemand, der noch nicht mal sein Studium abgeschlossen hat. Jana ist zu Beginn im dritten Studienjahr und macht ihr Fachpraktikum bei der Mordkommission Frankfurt. Das Problem ist: Eigentlich hat Jana mit Gewaltverbrechen gar nichts am Hut. Morde, Leichen, Blut usw. findet sie einfach nur brutal und widerwärtig. Ihre wahre Leidenschaft gilt Zahlen und Computern und sie würde viel lieber Wirtschaftskriminelle jagen, als Kapitalverbrecher. Abgesehen davon ist Jana als LARPerin und in einem online Rollenspiel unterwegs, weil die ursprüngliche Idee war, sie auf einer Con ermitteln zu lassen. Aber dann kam alles ganz anders. Die Con wird aber noch kommen.
Den Kommissar gibt es aber trotzdem. Er heißt Thomas Friedensbach, ist 58 Jahre alt und hat Diabetis, von der aber keiner wissen darf, weil er fürchtet, deshalb vorzeitig pensioniert zu werden. Ich gestehe, zu seinem persönlichen Hintergrund wenig zu wissen, außer dass er mit einem Waldkater namens Mortimer zusammenlebt und historische Landkarten sammelt, über denen er von fernen Orten und vergangenen Zeiten träumt. Aber er verreist nie. Seiner Kleidung, seiner Ausdrucksweise und seinem Wohnumfeld nach, stammt er aus begüterten Verhältnissen, aber genaueres ist nicht herauszubekommen. Vielleicht versteckt sich da noch eine Geschichte und vielleicht hat sie damit zu tun, dass er kein Blut sehen kann.
Die Besichtigung des unmittelbaren Tatorts bleibt deshalb auch meist an seiner Kollegin Alexandra Obritz hängen. Also doch Klischee? Ja und nein. Ja, insoweit, als der Kommissar eine jüngere, ihm untergeordnete Kollegin hat. Nein, weil ich nicht glaube, dass Alex mit ihren 184 cm und ihrer Liebe zu Motorrädern, Lackleder, Nieten und der Farbe rot ein Klischee ist (Jana jedenfalls hat sie bei ihrer ersten Begegnung prompt für die Inhaberin eines Dominastudios gehalten). Über ihr Privatleben weiß ich eine ganze Menge – aber das zu verraten, hieße ein Stück weit den Inhalt des ersten Bands zu spoilern.
Was ich aber verraten kann ist, dass sie und Friedensbach trotz ihres sehr unterschiedlichen Äußeren (das auch die sehr unterschiedlichen Temperamente spiegelt) erstaunlich gut miteinander klar kommen, während Jana sich erst noch beweisen muss.

Natürlich gibt es daneben auch zahlreiche Neben- und Randfiguren. Techniker, Spezialisten, Gerichtsmediziner, uniformierte Beamte, Kollegen von der Kripo, Freunde, Familienangehörige usw. Aber die alle vorzustellen würde einfach zu weit führen.

Realismus vs. Spannung

Als ich neulich auf Twitter rumgefragt habe, worüber ich bloggen soll, kam die Frage, warum es so schwer ist, realistische Krimis spannend zu gestalten. Ganz sicher bin ich mir bei der Antwort auch nicht. Aber ich glaube, dass man die Frage sogar noch weiter verallgemeinern kann.

Warum ist es so schwer, gleichzeitig realistisch und spannend zu erzählen?

Das Problem betrifft Autoren aller Genres, ob sie nun Krimis, Erotik, Abenteuer- oder Liebesromane schreiben. Eine realistische Sexszene wirkt oft eher peinlich technisch oder unfreiwillig komisch, eine realistische Liebesgeschichte ist ähnlich prickelnd, wie abgestandener, lauwarmer Champagner und ein realistischer Krimi – zum Gähnen!

Realität ist banal

Das gilt sogar für Mord und Totschlag. Der unbekannte Tote mit der verwickelten Vergangenheit ist die Ausnahme. Auch, wenn es schwer zu ertragen ist: Bei den meisten Tötungsdelikten haben sich Täter und Opfer vorher gekannt. Natürlich gibt es auch den Räuber, der seine Beute sichern und den besoffenen Autofahrer, der eine Polizeisperre durchbricht, weil er seinen Lappen nicht riskieren will. Trotzdem sind die meisten Tötungsdelikte Beziehungstaten. Da wird ein Kind zu Tode geschüttelt, weil es zu laut und anhaltend geschrien hat. Ein alter Mensch im Bett erstickt, weil die pflegende Verwandte (meist sind das Frauen) das ständige Genörgel nicht mehr erträgt. Ehefrauen erstechen ihre Ehemänner, Männer erschlagen ihre Frauen oder Saufkumpel.
Und am Ende ist es sogar oft der Täter selbst, der die Polizei benachrichtigt (bzw. die Täterin). Fall gelöst.

Realität ist kleinteilig

Schauen wir bei uns selber: Selbst ein gewöhnlicher Tag besteht aus unzähligen kleinen Handlungen: Aufstehen, waschen, Zähne putzen, rasieren/schminken, anziehen … Das alles zu beschreiben, kann man keinem Leser zumuten. Aber selbst, wenn man sich auf die Eigenheiten des Genres konzentriert, bleibt es komplex und kleinteilig.
Um diese Behauptung kurz am Beispiel Krimi zu erläutern: Bei echten Mordermittlungen werden ganze Teams von teilweise hochspezialisierten Experten hinzugezogen, die ihrerseits aber nur winzige Teilbereiche bearbeiten – und die der Kommissar und seine treuen Gefährten im Normalfall gar nicht zu sehen bekommen. Bei Obduktionen z. B. ist nur selten ein Ermittler anwesend und die bei der Obduktion entnommenen Proben werden an Labore weitergegeben, wo sie von verschiedenen Wissenschaftlern untersucht werden. Wieder ein anderes Labor untersucht Fasern und ein drittes ist z. B. für Beschusstests zuständig. Die Ergebnisse werden als Gutachten an die Ermittler weitergegeben.
Bei einer realistischen Schilderung müsste man also entweder jeden Spezialisten kurz auftauchen lassen, wenn er gerade etwas für den Fall relevantes tut oder die Ermittler einander die Inhalte der Gutachten referieren lassen (was sie tatsächlich tun).

Realität ist langwierig

Selbst, wenn die Pathologie nicht überlastet ist und jedes Labor nur darauf wartet, mit den Untersuchungen zu beginnen: Die Tests dauern. Ein Gaschromatograph braucht zwar in der Regel unter einer Stunde, um Ergebnisse auszuspucken, aber eine DNA-Analyse braucht 2 Tage und danach müssen noch die Gutachten geschrieben werden. In der Pathologie geschieht das nicht durch die Gerichtsmediziner, sondern durch ein Schreibbüro. Anschließend geht es zur Prüfung zurück in die Gerichtsmedizin und erst, wenn der zuständige Pathologe sein ok gibt, weiter an die Kripo.
Auch Zeugenbefragungen dauern – selbst, wenn man am Ende feststellt, dass der Zeuge nichts gesehen oder gehört hat. Außerdem müssen Formulare ausgefüllt und Aktenvermerke geschrieben werden, was ebenfalls dauert, mich aber gleich zum nächsten Punkt bringt.

Realität ist zum größten Teil Routine

Routine, also das ewig Gleiche, ist so ziemlich das absolute Gegenteil von Spannung. Gleichzeitig helfen Routinen aber auch, nichts zu vergessen und deshalb herrscht natürlich auch bei Ermittlungen viel Routine. Dagegen könnte man natürlich einwenden, ein Laie kenne die Abläufe in einem Kommissariat, bei der Tatortbegehung oder in der Gerichtsmedizin nicht, deshalb seien sie für den Leser eben doch neu und spannend.
Dass das nicht stimmt, zeigen m. E. die Romane von Jeffery Deaver sehr gut. Btw.: Ich bin ein großer Fan von Deaver, aber spätestens seit dem 2. Band weiß ich, wie Lincoln Rhyme einen Tatort untersucht haben will und fange an zu gähnen, wenn Amelia wieder einmal in ihren Tyvekanzug schlüpft und anfängt, das Gitternetz abzuschreiten (inwieweit diese Art der Untersuchung tatsächlich realistisch ist und ob sie in Deutschland praktiziert wird, ist noch eine ganz andere Frage). Genauso ist es mit Leichenöffnungen. Anfangs ist es vielleicht noch spannend, den Pathologen „zuzusehen“, wie sie die Leiche erst äußerlich untersuchen und die Befunde dokumentieren, dann Brustkorb und Abdomen öffnen, die Organe entnehmen und wiegen, Proben von Gewebe und Körperflüssigkeiten sichern, den Schädel öffnen, das Hirn und das Schädelinnere untersuchen und am Ende alles wieder verschließen. Aber beim 5. Mal wird es – Routine. Man will dann nicht mehr erzählt bekommen, dass der Bauch aufgeschnitten wird, um die Organe rauszunehmen und zu wiegen. Schon gar nicht, wenn die Todesursache eindeutig und vollkommen unstrittig ein Kopfschuss ist. Und jetzt stellt euch bitte vor, vor jeder Zeugenbefragung würde der Autor seine Kommissare auch noch die Personalien feststellen lassen.

Spannung ist Konzentration

Spannung entsteht, wenn Dinge in engem zeitlichen oder räumlichen Zusammenhang passieren, man das Ergebnis aber nicht absehen kann. Spannung hat viel mit Erwartung zu tun.
Das heißt im Umkehrschluss, dass man das ganze banale, routinemäßige Klein-Klein, das den überwiegenden Teil der Realität ausmacht herausfiltern und sich auf den Rest konzentrieren muss. Es bedeutet, aus den vielen Spezialisten ein kleines Team zu machen, wie bei Navy CIS, CSI, Bones oder Crossing Jordan. Es bedeutet, zeitlich und räumlich zu raffen, um Durchhänger zu vermeiden. Es bedeutet, die ganzen unwesentlichen Spuren auszublenden, es sei denn, aus ihnen ergeben sich wirklich gute Red Herrings. Und natürlich bedeutet es, zu dramatisieren.

Und wie schon oben gesagt, gilt das alles nicht nur für Krimis. Auch in allen anderen Genres muss man die Zahl der handelnden Figuren kontrolliert halten (es sei denn, man schreibt für Liebhaber des russischen Gesellschaftsromans im ausgehenden 19. Jahrhundert), die Handlung straffen und dramatisieren.

Eigentlich, aber …!

Eigentlich wollte ich meinen nächsten Krimi mit Antagonisten aus der linken Szene besetzen.
Aber die Realität macht mir diese Entscheidung sehr, sehr schwer, weil sich die radikale Rechte und ihre bürgerlichen Mitläufer derzeit so für die Schurkenrolle anbieten, dass ich ernsthaft überlege, diese Entscheidung über den Haufen zu werfen.

Dabei schreibe ich eigentlich gar keine politischen Romane.
Aber manchmal sind Ähnlichkeiten mit tatsächlich geplanten Personen oder Gruppen weder geplant, noch gewollt, sondern unvermeidlich.

Orte beschreiben und/oder erschaffen?

In Paula Grimms Blog bin ich auf folgende Fragestellung für eine Blogparade gestoßen:

Darf man Orte, die real existieren in seiner Beschreibung verändern und wenn ja, was muss man dabei beachten? Ich bin gespannt auf Artikel, in denen Ihr Eure Erfahrungen mit der Erfindung neuer Orte, den Recherchen über bestehende Plätze, Veränderungen von Orten berichtet. Was ist der schönste Ort, den Ihr je erfunden habt? Was ist Eure schönste Beschreibung von Orten, über die Ihr etwas geschrieben habt? Erwähnt Ihr es, wenn Ihr einen Ort „naturgetreu“ oder verändert beschreibt und wenn ja, an welcher Stelle Eurer Texte und wie? In welchen Genres erfindet oder verändert Ihr Orte besonders gern? Wann muss es ein realer Ort sein?

Die Fragestellung finde ich schon deshalb interessant, weil die Frage bei den Diskussionen, die ich früher geführt habe, immer andersrum gestellt wurde: „Darf man reale Orte verwenden oder muss man sie so weit verändern, dass sicher gestellt ist, dass man niemandem auf die Füße tritt?“ Auf der gleichen Linie liegt eine Reaktion meines Mannes auf folgende Textstelle aus dem Entwurf meines ersten Krimis. Dort heißt es:

„Aber wir wollten wirklich nur mit dem Hund …“, sagte der Mann kleinlaut. „Bitte, das können Sie auch nachprüfen. Alle unsere Nachbarn wissen, dass wir immer um diese Zeit unsere Runde machen.“
„Genau“, warf seine Frau ein. „Fragen Sie sie nur. Kindermann, Ernst und Luise Kindermann. Am Pfarrhof 12. Sie können wirklich jeden fragen.“

Mein Mann fragte sofort: „Die Adresse gibt es aber nicht, oder? Nicht, dass jemand denkt, derjenige haben wirklich …“
Bei der Frage ist mir, glaube ich, der Unterkiefer runtergeklappt. Natürlich hatte ich eine real existierende Straße genommen. Ich schreibe Krimis, die in Frankfurt und Umgebung spielen und wenn ich einen Orts- oder Straßennamen nenne, sollte man die auch finden und wiedererkennen können. Aber es ist doch wohl klar, dass der Rest Fiktion ist, oder?

Damit ist ein Teil der Frage schon beantwortet: Ja, ich verwende real existierende Orte und ich bemühe mich sogar, sie so realistisch, wie möglich zu beschreiben. Dazu recherchiere ich, zuerst auf Google, dann auch vor Ort. Google ist nämlich alles andere, als zuverlässig. Die Bilder sind oft veraltet und daher sehen Häuser auf Google Streetview oft ganz anders aus, als in der Realität. Oder sind inzwischen abgerissen. Und von Äckern, Wäldern und Parks gibt es sowieso kein Streetview.
Aber was heißt realistisch und was ist möglich?

Autoren erfinden oder verändern Orte

In der Physik gibt es den Satz, dass man nichts beobachten kann, ohne das beobachtete Objekt zu verändern. In gewisser Weise gilt das auch für Autoren. Selbst, wenn wir realistisch erzählen, raffen wir Zeit und Raum, wenn es für die Geschichte notwendig ist. Wenn wir es nicht täten, läse sich eine Fahrt durch eine beliebige Stadt etwa so spannend, wie ein Stadtplan. Den Leser interessiert aber nicht, an welchen Straßen man vorbei gefahren ist, sondern nur das Ziel und mögliche Hindernisse. Selbst Sehenswürdigkeiten oder besondere Landmarken können oft getrost ausgeblendet werden, wenn sie keine Bedeutung für die Handlung haben.
Ich sage bewusst „oft“, weil es natürlich auch Ausnahmen gibt. Jemand, der einen Ort das erste Mal besucht, wird Landmarken viel bewusster wahrnehmen, als ein Einheimischer. Und ein Tourist wird ganz bewusst nach Sehenswürdigkeiten Ausschau halten.

Damit sind wir beim nächsten Punkt: Nicht nur die Handlung hat Einfluss auf die Beschreibung eines Orts, sondern auch die Wahrnehmung durch Protagonisten bzw. Erzähler. Hypothermie hat dazu schon gebloggt. Er bezieht sich dabei vor allem auf das (Hintergrund-)Wissen der Erzähler/Protagonisten. In soweit gebe ich ihm vollkommen recht. Ein Biologe nimmt ein Stück Landschaft anders wahr, als ein Bauer oder ein Städter. Der Biologe registriert das Vorhandensein oder die Abwesenheit verschiedener Pflanzen und Tiere und schließt auf die Intaktheit des Ökosystems. Der Bauer sieht die Qualität des Bodens, für welche Art der Bewirtschaftung er geeignet ist und ob die Apfelbäume einen Kurschnitt brauchen. Der Städter sieht Felder, Wiesen und ein paar Bäume.
Aber neben dem Wissen bestimmt auch die Haltung des Betrachters die Wahrnehmung. Sie entscheidet z. B. ob der Städter in den Feldern, Wiesen und Bäumen, die er sieht, ein ländliches Idyll erkennt (was zu einer entsprechend lyrischen Beschreibung führen würde) oder ob er sie als langweilig abtut. Der Bauer ärgert sich, vielleicht, dass er Rüben gesäht hat und keinen Weizen, weil das Wetter viel besser für Weizen gewesen wäre und der Biologe stellt erfreut fest, dass das neu entwickelte Unkrautvernichtungsmittel hervorragend wirkt, auch wenn es in diesem Jahr bedauernswert wenige Bienen gibt. Und Städter, wie Biologe ärgern sich, wenn sie in einen Kuhfladen treten, während der Bauer den gar nicht wahr nimmt, weil er klischeegemäß Gummistiefel trägt, die er vor der Haustür ausziehen wird.

Was ist realistisch?

Um auf die Frage von oben zurück zu kommen: Realismus heißt für mich nicht, einen Ort so objektiv wie möglich darzustellen, sondern ihn so abzubilden, wie er in der aktuellen Wahrnehmung des Protagonisten erscheint, aus dessen Perspektive ich gerade erzähle. (Uff, was für ein Satz!)

Und bei allem Realismus und aller Recherche erfinde ich auch einiges.
Ein Grund kann sein, dass die Geschichte an Orten spielt, die mir nur schwer zugänglich sind und es für die Geschichte nicht darauf ankommt, ob dieser Ort in der Realität auch wirklich so aussieht, wie beschrieben. Ein Beispiel dafür sind Treppenhäuser und Privatwohnungen. In meinem aktuellen Roman gibt es z. B. eine Szene, in der die Ermittler das Treppenhaus einer Firma betreten, die im Hinterhof eines Gewerbegebiets liegt. Das Gewerbegebiet gibt es. Den Hinterhof auch. Er ist verwinkelt und ein bisschen spooky, was auch an den schäbigen Gebäuden drum herum liegt. Das Treppenhaus dagegen besteht aus glänzendem schwarzem Granit und blitzweißen Wänden. Vermutlich existiert es nur in meiner Vorstellung, aber indem ich es beschreibe, will ich einen Eindruck von der Firma vermitteln, die dort ihren Sitz hat (und die natürlich genauso fiktiv ist, wie das Treppenhaus).
Ein anderer Grund ist, dass es gute Gründe haben kann, bestimmte Ereignisse nicht an realen Orten stattfinden zu lassen. Wenn ich z. B. über mordende Krankenschwestern und ärztlichen Abrechnungsbetrug schreiben würde (was ich, jedenfalls für den Moment, nicht vorhabe), würde ich es mir dreimal überlegen, das in einem bestehenden Institut der Uniklinik Frankfurt stattfinden zu lassen. Das Gleiche gilt, wenn ich meine Kommissare essen gehen ließe, um einem gebackene Schabe auf Toast zu servieren. Auch andere, potentiell geschäftsschädigende Ereignisse, die im schlimmsten Fall eine Verleumdungsklage nach sich ziehen könnten, verlagere ich an fiktive Orte.
Und wenn ich in einer Straße unbedingt ein Eiscafe brauche, es dort aber nur fünf Bäckereien, eine Zoohandlung, eine Metzgerei und ein Nagelstudio gibt, erfinde ich sogar das Eiscafe. Geschäfte wechseln. Ob in der Straße nun ein Eiscafé mehr oder eine Bäckerei weniger ist, ändert ihren Charakter nicht grundlegend. Etwas anderes wäre es, das Eiscafé mitten im Wohngebiet anzusiedeln. Oder in dem beschriebenen netten Einkaufssträßchen einen Puff zu eröffenen – es sei denn, der Puff ist neu und provoziert den Ärger der Ansässigen. DAS wäre schon wieder realistisch.

persönliche Bekenntnisse 1

Irgendwo las ich, Autoren sollten in ihren Blogs auch persönliche Dinge verraten. Deshalb gibt es heute ein persönliches Bekenntnis:

Krimis, deren Realismus darin besteht, den Tod des Opfers in epischer Breite zu beschreiben, langweilen mich. Das Gleiche gilt für die ins Detail gehende Beschreibungen abgerissener Gliedmaßen, Innereien oder verbranntem, vertrockneten oder im Zerfall begriffenen Körpern. Ist nicht schön und wenn der Autor gut ist, ekele ich mich sogar. Aber im Wesentlichen langweile ich mich. Außerdem kann ich genauso gut bei Google nach Bildern von Brand- oder Wasserleichen suchen oder den Pschyrembel durchblättern, wenn ich mich ekeln will. Da stellt sich der Effekt schneller ein. Nur: Will ich mich ekeln? Eigentlich nicht.

Was mich am Krimi reizt, sind nicht die Schockeffekte, sondern das intellektuelle Verwirrspiel aus falschen Fährten, Gerüchten und Halbwahrheiten, aus denen sich die Wahrheit nur allmählich herausschält. Ich finde Krimis aufregend, die Beziehungsgeflechte ausleuchten, in andere Zeiten entführen oder gesellschaftliche Themen aufgreifen. Die hochgelobten skandinanavischen oder amerikanischen Splatterthriller können mir im Vergleich dazu gestohlen bleiben.

Ausgelesen: Killmousky und Havarie

Beide Bücher haben eins gemeinsam: Sie laufen unter der Bezeichnung Krimi. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch auf.

Killmousky von Sibylle Lewitscharoff ist ein klassischer Krimi mit Hard-Boiled-Anklängen. Es gibt den einsamen Wolf, einen Kommissar, seines Zeichens Verhörspezialist und vorzeitig entlassen, weil er einen Verdächtigen zu hart rangenommen hat. Die Parallelen zum Fall Gäfgen sind unübersehbar, werden aber noch gesteigert, weil der Kommissar nichts weniger will, als gleich zwei hübschen, jungen Mädchen das Leben zu retten – dabei aber scheitert. Das findet er tragisch (die Entlassung weniger, die sieht er ein), zumal er nicht recht weiß, was er danach mit seinem Leben anfangen soll. „Frauen? Zigaretten? Whiskey? Den lieben langen Tag?“ Die Entscheidung fällt schwer, zumal Whiskey eigentlich nicht sein Fall ist. Daher trifft er sich mit seiner Verflossenen, lässt die Wohnung ein bisschen verwahrlosen – aber bevor alles zu schlimm wird, winkt seine Vermieterin überraschend mit einem lukrativen Angebot. Ausgerechnet in New York, dabei spricht der Kommissar Englisch ungefähr genauso gut, wie der Ex-Bundespräsident Heinrich Lübke, Gott hab ihn selig.
Dem Auftraggeber, einem reichen Tycoon und dessen schöner Tochter ist das aber egal und so ermittelt der Kommissar mal auf Long Island und mal in der Gegend von München, wo er sich besser auskennt. Das Ende soll natürlich nicht vorweg genommen werden. Angesichts der wenigen Verdächtigen ist es aber wenig überraschend.
Das ist auch mein Hauptkritikpunkt: Für einen Krimi ist dieses Buch zu geradlinig und für hard-boiled ist es zu harmlos (oder, um es auf bayerisch zu sagen: zu liab). Der Kommissar hatte eine schwere Kindheit, aber das ist Geschichte und belastet ihn kaum. Es gibt keine Abgründe. Alle sind nett und höflich, bis auf den Mörder, versteht sich. Die Handlung dümpelt freundlich vor sich hin. Zwischendurch wird gut gegessen. Die Welt ist ein Winterwunderland. Dazu kommt eine sehr ziselierte Sprache, die durchaus hübsche Formulierungen enthält, aber überhaupt nicht zu dem angeblich aus einfachsten Verhältnissen stammenden Protagonisten passt.
Letztlich hat mich die Bitte meiner Tante am Ball gehalten, ich müsse ihr unbedingt und bitte ganz ehrlich sagen, was ich von dem Buch halte, sie habe es von einer Bekannten empfohlen bekommen, die literarisch sehr beschlagen sei und sonst nie Krimis lese. Na ja. Menschen, denen es allein auf eine schöne Sprache ankommt, wird dieses Buch sicher zusagen.

Havarie von Merle Kröger ist in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil. Vor allem ist es kein klassischer Krimi. Es gibt weder einen Kommissar, noch einen Mörder im herkömmlichen Sinn. Es gibt nicht einmal einen klaren Protagonisten.
Havarie erzählt vom zufälligen Zusammentreffen dreier Schiffe: einem Luxusliner, einem Containerfrachter und einem, mit 12 Flüchtlingen besetzten Schlauchboot in Seenot. Die Dramen, die sich dabei abspielen, werden in schnellen Sequenzen aus der Sicht von 11 Personen beleuchtet, die zum Teil auf den Schiffen, zum Teil aber auch an Land unterwegs sind. Dabei trägt jede der handelnden Figuren ihre eigenen Abgründe in sich. Niemand ist unversehrt. Trotzdem kommt es neben Tragödien auch zu Akten großer Menschlichkeit. Dabei wird nichts überhöht, nichts ausgeschmückt oder dramatisiert. Der Ausdruck wechselt gerade genug, um die einzelnen Figuren auch durch ihre Erzählweise kenntlich zu machen. Die Sprache bleibt aber im einen, wie im anderen Fall nüchtern, klar, präzise.
Ein Anhang mit Photos verleiht dem Inhalt zusätzliche Tiefe.
Keine einfache Kost. Aber ein großartiges Buch.

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Killmousky von Sibylle Lewitscharoff, erschienen 2014 bei Suhrkamp

Havarie von Merle Kröger, erschienen 2015 als Ariadne Kriminalroman im Argument Verlag