Plotten

April Challenge (Tag 10) Der hilfreichste Schreibtipp

Unter den tausend Schreibtipps für Autoren den einen, besten, hilfreichsten auszuwählen, ist gar nicht so einfach. Zuerst hätte ich gedacht, dass es auf so etwas hinausliefe wie: „vermeide Klischees!“, oder: „sei so konkret, wie möglich.“
Aber bei näherem Überlegen ist das natürlich Quatsch. Ein geschickt ausgewähltes und richtig eingesetztes Klischee kann einen Text durchaus bereichern (z. B. wenn man eine Figur auf ein Klischee hereinfallen lässt und sie gerade dadurch in Schwierigkeiten bringt) und konkrete Beschreibungen sind auch nicht immer angebracht. Wenn jemand nur kurz in eine Bar hineinschaut, reicht es z. B. zu schreiben:

Als er die Tür öffnete, schlug ihm der Gestank von schalem Bier und Pisse entgegen. Hier würde er die Baronin nicht finden.
(kein Zitat)

M. E. müsste das Kriterium für den hilfreichsten Schreibtipp aller Zeiten aber sein, dass er möglichst universell anwendbar ist. Ok, dann: „Schreib das verdammte Ding fertig!“ Klingt schon mal gut. Ist aber banal. Und nicht sehr überzeugend, weil ich selbst einen Haufen angefangenes und nie beendetes Zeug auf der Festplatte rumgammeln habe.
Die Offenbarung kam, als ich darüber nachdachte, warum ich meine Krimis fertig bekommen habe und die anderen Sachen nicht. Für die Krimis hatte ich einen detaillierten Ablaufplan fertig, bevor ich mit dem Schreiben angefangen habe. Bei den anderen Sachen habe ich mit nichts als einer tollen Idee angefangen (die Ideen sind immer noch toll, aber sie entwickelten sich beim Schreiben nicht weiter, sondern versandeten irgendwie).
Deshalb ist mein höchstpersönlicher Schreibtipp:

Plotte deine Geschichte, bevor du losschreibst!

Auch wenn du eine supertolle Idee hast und darauf brennst, loszuschreiben: Nimm dir die Zeit, den Ablauf deiner Geschichte in den wesentlichen Punkten festzulegen. Was passiert wann, warum und was folgt daraus? Das kostet ein bisschen Zeit, ist aber alles andere, als langweilig. In der Plotphase lässt sich die Geschichte noch in alle Richtungen auszuspinnen und man kann hemmungslos Möglichkeiten ausprobieren, um seine Protagonisten in Schwierigkeiten zu bringen und rauszuholen. Ich empfinde diese Phase als sehr befruchtend, weil dabei ganz neue Ideen entstehen, Handlungsalternativen, an die ich vorher gar nicht gedacht habe. Jetzt kann man in Ruhe abstimmen, was wann passiert und einen Spannungsbogen aufbauen, in dem die Ereignisse logisch aufeinander folgen. Und man hat eine Route, an die man sich beim Schreiben halten kann und die verhindert, dass man sich in der eigenen Geschichte verläuft.

Überarbeiten ja, aber wie?

Das Überarbeiten von Texten ist ein Dauerthema für jeden, der sich ernsthaft mit dem Schreiben beschäftigt und entsprechend viele Anleitungen dazu gibt es. Dabei scheint weitgehende Einigkeit zu bestehen, dass man einen Text vor allem kürzen muss, damit er gut wird. Dem möchte ich im Folgenden ein bisschen widersprechen:

Eine Geschichte ist kein englischer Rasen, bei dem man allen Wildwuchs ausmerzen und alle Grashalme auf die gleiche Länge trimmen muss, damit er gut aussieht. Eher ist sie ein englischer Park, mit alten Bäumen, gewundenen Wegen und vielleicht einem versteckten See – um bei den gärtnerischen Vergleichen zu bleiben. Das Idealbild eines solchen Parks ist, dass alles ganz natürlich wirkt. Dabei beruht er auf genauer Planung. Jeder Weg, jede Blickachse ist vorab geplant, Bäume sind gezielt gepflanzt oder gerodet worden, der See vermutlich eigens ausgehoben und die malerische Ruine war nie intakt, sondern wurde bereits als Ruine gebaut.
Was der Landschaftsarchitekt bei der Anlage jedoch berücksichtigt, sind die natürlichen Gegebenheiten. Er sieht sich vorher um, macht sich mit dem Gelände vertraut, überlegt, welche Landschaftsmarken erhalten und betont werden sollten, wo etwas weggenommen und wo hinzugefügt werden muss.

Ähnlich sollte man meines Erachtens auch beim Überarbeiten von Manuskripten vorgehen. Also das Ding erst Mal lesen und sich Gedanken machen, was die Kernaussagen sind, wo die Handlung ins Klischee abgleitet und ob es irgendwelche Plotlöcher oder Brüche gibt, bevor man irgendetwas ändert. Danach macht man sich an die Planung zu konkreten Änderungen.
Auch wenn man kein Freund des Plottens ist, ist es spätestens jetzt sinnvoll, sich Notizen zu den einzelnen Szenen, den darin vorkommenden Personen und Orten zu machen und diese mit einem Zeitstrahl zu verbinden. Gerade bei komplexen Handlungen vermeidet man dadurch, dass eine Person, die eben noch in Stuttgart war, plötzlich in Detroit auftaucht, oder dass ein Nebencharakter mehr (oder wichtigere) Handlungsanteile hat, als der Protagonist.

Bei mir ergibt dieser Bearbeitungsschritt in der Regel nicht, dass gekürzt werden muss, sondern die Kernaussagen durch Handlung und/oder Beschreibung verstärkt werden müssen. Ich schreibe sehr gedrängt. Ausufernde Beschreibungen und Charakterisierungen sind nicht mein Ding, so dass der erste Entwurf oft noch skizzenhaft wirkt. Da heißt es dann nicht kürzen, sondern auffüllen. Das Gleiche gilt natürlich für Plotlöcher. Auch die werden nur durch Zufügungen kleiner.
Wenn das getan ist, lasse ich das Manuskript wieder für ein paar Wochen liegen und lese es ein zweites Mal auf Stimmigkeit. Den Prozess wiederhole ich so lange, bis ich im Wesentlichen zufrieden bin. Erst dann geht es an Details, wie das Kürzen von Bandwurmsätzen und das Ausrotten nichtssagender Adjektive.

Schreibtipp: Vergiss Schreibtipps, wenn du schreibst!

Zugegeben: Das klingt erst mal widersinnig. Es wird aber logisch, wenn man die Abschnitte des Schreibprozesses betrachtet.

  1. Zunächst mal braucht man eine Idee. Es folgen Recherche und weitere Beschäftigung mit dem Thema, bis man die Idee entweder verwirft oder für brauchbar erklärt.
  2. Plotter legen jetzt einen Zwischenschritt für die Planung ein, Pantser gehen gleich zum Punkt 3 über.
  3. Das eigentliche Schreiben. Angefangen beim ersten Wort bis hin zum Ende.
  4. Die Rohfassung wird überarbeitet.
  5. – wievielauchimmer sind weitere Überarbeitungen.

Schreibtipps nutzen bei den Punkten 2, 4, 5 usw. Für Plotter ist es natürlich sinnvoll, nach Dreiaktmodell, 7 – Punkte-Methode, 8er Bogenmodell, Heldenreise oder was auch immer einem am meisten liegt, zu planen, Plot- und Wendepunkte festzulegen, Spannungsbögen aufzubauen, Charaktereigenschaften festzulegen und, und, und.
Genauso ist es auch beim Überarbeiten. Natürlich sollte man da darauf achten, ob der 1. Wendepunkt etwa bei einem Drittel liegt, ob die Charaktere sich so verhalten, wie sie sollen, ob Dialoge natürlich wirken und ob sich der Text mit Adjektivitis infiziert hat.

Aber bei Punkt 3, beim Schreiben selbst darf man das alles getrost vergessen. Alles, was beim Schreiben zählt, ist das Schreiben auf das Ziel zu. Erst, wenn man das erreicht hat, darf man sich wieder an die ganzen Tipps und Regeln erinnern.
Das ist gemeint, wenn manchmal empfohlen wird, den inneren Lektor beim Schreiben wegzusperren.

Und noch ein Tipp: Gönnt euch einen Prosecco, einen Whisky oder was auch immer euer Lieblingsgetränk für besondere Anlässe ist und gratuliert euch selber zum Erfolg. Eine Geschichte, besonders einen Roman zuende zu schreiben, ist nämlich eine wirkliche Leistung!

P.S.: Diesen Schreibtipp solltest Du natürlich nicht vergessen.

Das Biest bezwingen

Oder: Wie schreibe ich meinen Roman fertig?

Das Problem, irgendwo in der Mitte zu versanden haben viele. Auch ich bin mit meinen ersten beiden Romanversuchen trotz mehrerer Anläufe irgendwo im 2. Drittel stecken geblieben. Inzwischen habe ich ein bisschen dazu gelernt und es immerhin geschafft, zwei Romanmanuskripte fertig zu stellen. Der Unterschied zu früher? Ich plane mehr im Voraus.
Beim ersten Versuchen hatte ich eine Idee worüber ich schreiben wollte und eine grobe Vorstellung von der ungefähren Handlung (im Kopf). Beim zweiten hatte ich immerhin ein Ende, vernünftig ausgearbeitete Figuren und sogar ein paar Ideen für den Mittelteil, weil ich vorher an einem Online-Schreibkurs nach Louise Doughtys Schreibratgeber „Ein Roman in einem Jahr“ teilgenommen hatte. Aber es hat mir trotzdem nicht gereicht. Manche Leute können so schreiben. Stephen King arbeitet nach eigener Aussage nur so, dass er eine Anfangssituation erschafft und sich dann ganz der Dynamik der Geschichte überlässt.
Ich kann das nicht. Ich muss vorher wissen, wer was wann, wo und aus welchem Grund tut. Deshalb fange ich inzwischen damit an den wesentlichen Handlungsverlauf skizziert habe. Das kann ziemlich nervig sein, hilft aber, Schwächen und Plotlöcher rechtzeitig zu erkennen und zu beseitigen. Eine solche Skizze kann z.B. so aussehen:
Montag:

  • Aydan G. geht an die Presse (u. beschimpft Friedensbach vorher am Telefon?)
  • K. macht sich an Jana ran, sie lässt ihn abblitzen
    (Folge: K. muss handeln -> Brandstiftung? Auswirkung am nächsten Tag)
  • Gutachten zum BekennerschreibenProtokoll der amtl. Leichenbeschau
  • ….

Zu dem Zeitpunkt habe ich auch schon eine sehr genaue Vorstellung von den wesentlichen Figuren und habe für die meisten schon Charakterblätter angelegt, die ich auch beim Schreiben heranziehe, wenn ich mich nicht mehr erinnere, ob Aydan z. B. eher dazu neigt, bei Stress zu kreischen oder ob ihre Stimme dann ganz leise wird. Dieses Wissen ist wie eine Landkarte, die mir hilft, mich auch dann nicht zu verlaufen, wenn ich während des Schreibens einen Umweg mache oder eine Abkürzung nehme.

Die Skizze von oben wird beim Schreiben verfeinert, d. h. erst in das Hauptdokument übernommen und dann ergänzt. Das kann sich dann z. B. so weiter entwickeln:

Montag:

  • Friedensbach, Büro, Anruf: Aydan G. beschimpft Polizei und droht mit Presse, Friedensbach versucht zu schlichten, scheitert
  • (Aydan G. geht an die Presse)
  • Jana, Arslan Int., K. betritt ungefragt mit Kaffee und Brötchen das Büro …

Wenn ich so weit bin, kann ich schreiben. Der Vorteil: Selbst, wenn eine Szene nicht grandios wird, wird sie fertig, weil ich weiß, was passieren muss und was in der nächsten Szene passieren wird. In diesem Stadion des Schreibens ist das Fertigwerden der wesentliche Punkt. Um Formulierungen und andere Feinheiten kann ich mich immer noch bei der Überarbeitung kümmern.

Das ist aber nur mein Weg. Für Autoren mit einem anderen Temperament können andere Wege durchaus besser funktionieren. Probiert es aus. Vielleicht scheitert ihr. Aber ihr werdet es nie erfahren, wenn ihr es nicht versucht.


Louise Doughty, Ein Roman in einem Jahr, Autorenhausverlag, 2008, ISBN-13: 978-3866710351
Stephen King, Das Lesen und das Schreiben, Ulstein, 2. Aufl. 2000, ISBN-13 978-3550071430