Realität

Nichts als Lügen?

In meinem letzten Beitrag habe ich mich darüber ausgelassen, warum die Realität nur schlecht als Vorlage für einen Krimi taugt. Heute soll es dafür ein bisschen darum gehen, wo man mit ihr doch etwas anfangen kann.

Ausgangspunkt ist eine Diskussion über Zivilcourage. Ein Matthias Czarnetzki anderer Autor hatte im Netz gefragt, warum man wegschaut, wenn man doch auch hinsehen kann. Mit einer der Antworten setzt er sich in einem weiteren Blogbeitrag auseinander. Diesen Beitrag habe ich kommentiert, aber darum soll es hier nicht gehen, sondern um die Beurteilung des Wahrheitsgehalts von Aussagen.

Das Spiel mit der Wahrheit

Zugegeben, das klingt ein bisschen trocken, ist aber nicht nur für Polizisten, Juristen und Psychologen wichtig, sondern auch für Autoren. Man kann damit spielen und dadurch seinen Roman interessanter gestalten.
Nicht nur Krimi-Autoren haben es mit unzuverlässigen Zeugen zu tun. Auch in anderen Genres lügen die Protagonisten und Nebencharaktere oft, dass sich die Balken biegen. Nur, wie stellt man das als Autor dar, ohne den Leser gleich mit der Nase darauf zu stoßen? Tatsächlich helfen hier genau die gleichen Kriterien, die auch Polizisten, Richter und Staatsanwälte zur Beurteilung von Zeugenaussagen heranziehen.

Dabei betrachtet man inzwischen weniger die Glaubwürdigkeit des Zeugen, also dessen Leumund und Persönlichkeit, sondern vor allem die Glaubhaftigkeit des Gesagten. Für dessen Beurteilung werden die sogenannten Realitätsskriterien gegen mögliche Lügensignale abgewogen.

Realitätskriterien

  • konkrete, anschauliche Schilderung
  • Detailreichtum und Zugeben von Erinnerungslücken
  • Schilderung abgebrochener Handlungsketten und von Unverstandenem
  • Selbstkorrekturen und -belastungen, auch das Zugeben von eigenen Fehlern oder sozial unerwünschtem Verhalten
  • Originalität (d. h. typischer Sprachstil, keine Klischees, keine Stereotype), insbesondere: Wiedergabe eigenen Erlebens (Gefühle, Sorgen, Ängste)
  • innere Stimmigkeit (logische Konsistenz, keine Verstöße gegen Naturgesetze oder typische Verfahrensabläufe)
  • sachverhaltstypische Details
  • Konstanz der Aussage (wenn mehrfach gefragt oder die Schilderung gegenüber anderen wiederholt wird)

Lügensignale

Wer bewusst etwas unwahres erzählt, muss auf sein vorhandenes Wissen zurückgreifen. Lügensignale sind daher:

  • Kargheit, Abstraktheit und Detailarmut
  • Glatte Darstellung (ohne Komplikationen)
  • Verlegenheit und Zurückhaltung der Aussagen und in der Körpersprache
  • Schwankungen im Sprachniveau (Pauschalierungen, Allgemeinausdrücke, freud’sche Versprecher)
  • Unterwürfigkeit oder besondere Aggressivität (Vorwegverteidigungs- und Entrüstungssymptom)
  • Übertreibung der Bestimmtheit der Aussage (Belastungseifer)

Die Ungewissheit macht es spannend

Nun ist nicht jeder Zeuge ein hervorragender Beobachter oder großartiger Erzähler und die einzelnen Kriterien sagen für sich genommen noch wenig aus. Daher kann man als Autor damit spielen und selbst banalen Situationen Spannung abgewinnen, wie das folgende Beispiel zeigt:

Frau Meyer, die an seniler Bettflucht leidet, will morgens um 7.00 mit ihrem Yorkshire Fipsi Gassi gehen. Als sie gerade die Hand nach dem Griff der Haustür ausstreckt, wird diese von außen aufgestoßen und ihr Nachbar, Herr Müller steht vor ihr.
„Hach, Herr Müller!“, ruft sie. „Sie auch schon wach! Was machen Sie denn so früh schon draußen?“
„Nachtschicht“, gibt er zurück. „Stellen Sie sich vor, andere Leute müssen arbeiten!“
Er stapft an ihr vorbei, die Treppe hoch und schlägt die Tür hinter sich zu.
„Was für ein grober Klotz“, sagt sie zu Fipsi, als beide schon auf der Straße sind. „Und hat es nicht geheißen, er studiert? Ich bin mir sicher, Frau Schulze hat sowas erwähnt. Chemie oder so.“

Hat Herr Müller gelogen? Wir wissen es nicht, aber es deutet einiges darauf hin. Nicht nur, dass seine Aussage im Widerspruch zum Treppenhaustratsch steht. Seine Reaktion weist auch darauf hin, dass man ihn bei irgendetwas ertappt hat. Warum sonst sollte er auf eine einfache Frage derart grob und unhöflich reagieren?
Auf der anderen Seite kann es durchaus sein, dass er die Wahrheit sagt, aber nicht über den Job reden will, weil der ihm peinlich ist (Klomann in einem Fetischclub z. B.). Oder er ist so aggressiv, weil er neugierige alte Weiber auf den Tod nicht ausstehen kann. Vielleicht ist er auch einfach müde und hat ihre Begrüßung als Angriff missverstanden.

Wir wissen es nicht. Aber genau das macht das Ganze für den Leser spannend.

Advertisements

Krimi und Kriminalität

Man sollte meinen, das Leben liefere reichlich Stoff für Kriminalromane und natürlich verfolge ich die Nachrichten über Verbrechen, Intrigen in der Politik, Wirtschaftsmauscheleien und so weiter. Aber als direkte Vorlage taugt das alles wenig. Warum möchte ich an einer frisch aus meiner Twitter Timeline gefischten Pressemitteilung der Frankfurter Polizei demonstrieren:

Frankfurt (ots) – (we) Ein seit längerer Zeit schwelender Streit zwischen zwei Männern, ist am Dienstagabend in der Wiener Straße eskaliert und löste einen größeren Polizeieinsatz aus.

Die Männer im Alter von 49 und 34 Jahren lebten bis vor zwei Wochen in einem Mitverhältnis zusammen in einer Wohnung, bis der 49-jährige Hauptmieter dem 34-Jährigen aufgrund seines Zahlungsrückstandes fristlos kündigte.

Offenbar wollte der 34-Jährige dies nicht akzeptieren und hielt sich am Dienstagabend gegen 23.40 Uhr erneut in der Wohnung auf. Daraufhin versuchte der 49-Jährige ihn aus der Wohnung zu jagen und schwang dabei ein Küchenbeil.

Der unverletzte 34-Jährige rannte aus der Wohnung und verständigte die Polizei. Die Beamten rückten mit mehreren Streifenwagen an. Der 49-Jährige öffnete freiwillig die Tür und stellte sich. Das Küchenbeil wurde sichergestellt. Er wird sich wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung verantworten müssen.

Rückfragen bitte an:
Polizeipräsidium Frankfurt am Main
P r e s s e s t e l l e

Das ist doch was, oder? Hier tobt das pralle Leben, da geht es zur Sache – und bei richtiger Anwendung des Hackebeils hätte es sogar eine Leiche geben können. So erzählt, ist dieser Vorfall trotzdem nicht mehr, als eine Anekdote. Ganz witzig, aber vollkommen unspannend im Sinne eines Krimis.
Wenn man daraus einen anständigen Krimi machen wollte, müsste man die Geschichte genau andersrum erzählen: Die Polizei findet eine Leiche. Der Tote weist Verletzungen auf, die auf den Einsatz eines Hackebeils hindeuten.
Damit lässt sich arbeiten. Der nächste Schritt ist, eine Reihe Fragen aufzuwerfen (und falsche Spuren zu legen): Warum musste dieser Mann sterben? Geht ein wahnsinniger Axtmörder um? Handelt es sich um einen Ritualmord? War es ein Verbrechen aus Leidenschaft? Hach, Drama! Konflikte zuhauf, das ist gut.
Aber dann: Der geniale Kommissar hat nach die falschen Spuren als Sackgassen identifiziert und entdeckt – einen Mietstreit als Ursache?!
Also wirklich! Spätestens in diesem Moment schmeißt der jetzt gar nicht mehr geneigte Leser das Buch in die Ecke und verflucht den Autor, der solche hahnebüchenen, völlig an den Haaren herbeigezogenen Fälle konstruiert.

Ein Krimi muss nicht wahr sein, sondern eine plausible Lösung bieten. Dazu gehört auch, dass das Motiv der Größe des Verbrechens angemessen sein sollte. Nur hält sich die Realität selten daran und genau aus diesem Grund sollte man sie nur in wohldosierten Mengen einbringen.

April Challenge: Warum ich schreibe

Klingt es arrogant, wenn ich sage: „Weil ich es kann und hoffe, damit irgendwann Geld zu verdienen“?
Egal, es stimmt. Es stimmt sogar in doppelter Hinsicht. Tatsächlich ist Schreiben eine der Tätigkeiten, die in meiner Situation drin sind. Meinen Beruf werde ich aus familiären Gründen nicht mehr ausüben können. Aus dem gleichen Grund kann ich auch nirgendwo als Angestellte arbeiten. Aber als Schriftstellerin hätte ich die Flexibilität, die ich brauche.
Das nötige Talent ist mir schon mehrfach bescheinigt worden. Nicht von der Familie, die frage ich bei sowas gar nicht erst, sondern von Leuten, wie Titus Müller oder André Hille, die was davon verstehen sollten und die kein Interesse haben, mir zu schmeicheln.

Andererseits kommt die Antwort: „Weil es Spaß macht“ vielleicht sympathischer rüber und wäre genauso richtig. Geschichten zu erfinden, heißt immer auch ein bisschen Gott zu spielen. Und Hand auf’s Herz: Wer malt sich die Welt nicht gelegentlich bunter und aufregender, als sie tatsächlich ist. In meinen Geschichten kann ich die Guten belohnen und die Bösen bestrafen, wenn mir danach ist. Ich kann Orte betreten, die mir in der Realität verschlossen sind und sogar Zeit und Raum manipulieren.
Ja, es ist anstrengend, aus diesen Phantasien eine gute Geschichte zu destillieren und die dann auch noch gut zu erzählen. Aber der Aufwand lohnt!

April Challenge: Woran ich arbeite

Heute beginnt die von Kate Stark ins Leben gerufene #aprilcampwritingchallenge, die ich im letzten Beitrag ja schon kurz vorgestellt hatte. Die erste Aufgabe lautet: Your WIP, besteht also darin, das aktuelle Projekt vorzustellen.

Bei mir ist das ein Krimi über Antikenhehlerei, den ich letztes Jahr um Pfingsten rum beendet habe und der jetzt dementsprechend gut abgehangen ist. Das Manuskript besteht aktuell aus 279 Seiten und muss von Grund auf überarbeitet werden. Beim Korrekturlesen habe ich mir notiert, dass folgende Änderungen unbedingt notwendig sind:

  • Zwei neue Erzählperspektiven einführen, so dass die Geschichte aus drei, wie bisher aus einer Perspektive erzählt wird und alle drei Ermittler zu Wort kommen.
  • Eine Nebenhandlung streichen, die weder für den Plot, noch zum Verständnis der Protagonisten erforderlich ist.
  • Das Verhalten der Ermittler schlüssiger gestalten. Bisher agieren die oft noch sehr wechselhaft und daher wenig nachvollziehbar.
  • Die Ermittler sollen mehr Privatleben bekommen. Das gilt insbesondere, für meinen Hauptcharakter, Kriminalanwärterin Jana Hirte.
  • Die Handlung zwei Wochen vorverlegen, damit der Beginn der Handlung zu Janas Studiumszeiten passt.
  • Die einzelnen Szenen neu gewichten und in eine andere Reihenfolge bringen. Beim Plotten hatte ich zwar eine sehr genaue Vorstellung davon, warum was in welcher Reihenfolge passiert – diese Logik erschließt sich beim Lesen aber nicht.
  • Nicht zuletzt sind natürlich sind auch ein paar Plotlöcher aufgetaucht, die ausgefüllt werden müssen. Und wie das dann so ist, hat das Ausfüllen Auswirkungen auf den Rest der Handlung, so dass auch dadurch noch ein paar Sachen glattgezogen werden müssen.

Tja, ist eine Menge Arbeit. Aber in gewisser Weise freue ich mich drauf.

 

Realismus vs. Spannung

Als ich neulich auf Twitter rumgefragt habe, worüber ich bloggen soll, kam die Frage, warum es so schwer ist, realistische Krimis spannend zu gestalten. Ganz sicher bin ich mir bei der Antwort auch nicht. Aber ich glaube, dass man die Frage sogar noch weiter verallgemeinern kann.

Warum ist es so schwer, gleichzeitig realistisch und spannend zu erzählen?

Das Problem betrifft Autoren aller Genres, ob sie nun Krimis, Erotik, Abenteuer- oder Liebesromane schreiben. Eine realistische Sexszene wirkt oft eher peinlich technisch oder unfreiwillig komisch, eine realistische Liebesgeschichte ist ähnlich prickelnd, wie abgestandener, lauwarmer Champagner und ein realistischer Krimi – zum Gähnen!

Realität ist banal

Das gilt sogar für Mord und Totschlag. Der unbekannte Tote mit der verwickelten Vergangenheit ist die Ausnahme. Auch, wenn es schwer zu ertragen ist: Bei den meisten Tötungsdelikten haben sich Täter und Opfer vorher gekannt. Natürlich gibt es auch den Räuber, der seine Beute sichern und den besoffenen Autofahrer, der eine Polizeisperre durchbricht, weil er seinen Lappen nicht riskieren will. Trotzdem sind die meisten Tötungsdelikte Beziehungstaten. Da wird ein Kind zu Tode geschüttelt, weil es zu laut und anhaltend geschrien hat. Ein alter Mensch im Bett erstickt, weil die pflegende Verwandte (meist sind das Frauen) das ständige Genörgel nicht mehr erträgt. Ehefrauen erstechen ihre Ehemänner, Männer erschlagen ihre Frauen oder Saufkumpel.
Und am Ende ist es sogar oft der Täter selbst, der die Polizei benachrichtigt (bzw. die Täterin). Fall gelöst.

Realität ist kleinteilig

Schauen wir bei uns selber: Selbst ein gewöhnlicher Tag besteht aus unzähligen kleinen Handlungen: Aufstehen, waschen, Zähne putzen, rasieren/schminken, anziehen … Das alles zu beschreiben, kann man keinem Leser zumuten. Aber selbst, wenn man sich auf die Eigenheiten des Genres konzentriert, bleibt es komplex und kleinteilig.
Um diese Behauptung kurz am Beispiel Krimi zu erläutern: Bei echten Mordermittlungen werden ganze Teams von teilweise hochspezialisierten Experten hinzugezogen, die ihrerseits aber nur winzige Teilbereiche bearbeiten – und die der Kommissar und seine treuen Gefährten im Normalfall gar nicht zu sehen bekommen. Bei Obduktionen z. B. ist nur selten ein Ermittler anwesend und die bei der Obduktion entnommenen Proben werden an Labore weitergegeben, wo sie von verschiedenen Wissenschaftlern untersucht werden. Wieder ein anderes Labor untersucht Fasern und ein drittes ist z. B. für Beschusstests zuständig. Die Ergebnisse werden als Gutachten an die Ermittler weitergegeben.
Bei einer realistischen Schilderung müsste man also entweder jeden Spezialisten kurz auftauchen lassen, wenn er gerade etwas für den Fall relevantes tut oder die Ermittler einander die Inhalte der Gutachten referieren lassen (was sie tatsächlich tun).

Realität ist langwierig

Selbst, wenn die Pathologie nicht überlastet ist und jedes Labor nur darauf wartet, mit den Untersuchungen zu beginnen: Die Tests dauern. Ein Gaschromatograph braucht zwar in der Regel unter einer Stunde, um Ergebnisse auszuspucken, aber eine DNA-Analyse braucht 2 Tage und danach müssen noch die Gutachten geschrieben werden. In der Pathologie geschieht das nicht durch die Gerichtsmediziner, sondern durch ein Schreibbüro. Anschließend geht es zur Prüfung zurück in die Gerichtsmedizin und erst, wenn der zuständige Pathologe sein ok gibt, weiter an die Kripo.
Auch Zeugenbefragungen dauern – selbst, wenn man am Ende feststellt, dass der Zeuge nichts gesehen oder gehört hat. Außerdem müssen Formulare ausgefüllt und Aktenvermerke geschrieben werden, was ebenfalls dauert, mich aber gleich zum nächsten Punkt bringt.

Realität ist zum größten Teil Routine

Routine, also das ewig Gleiche, ist so ziemlich das absolute Gegenteil von Spannung. Gleichzeitig helfen Routinen aber auch, nichts zu vergessen und deshalb herrscht natürlich auch bei Ermittlungen viel Routine. Dagegen könnte man natürlich einwenden, ein Laie kenne die Abläufe in einem Kommissariat, bei der Tatortbegehung oder in der Gerichtsmedizin nicht, deshalb seien sie für den Leser eben doch neu und spannend.
Dass das nicht stimmt, zeigen m. E. die Romane von Jeffery Deaver sehr gut. Btw.: Ich bin ein großer Fan von Deaver, aber spätestens seit dem 2. Band weiß ich, wie Lincoln Rhyme einen Tatort untersucht haben will und fange an zu gähnen, wenn Amelia wieder einmal in ihren Tyvekanzug schlüpft und anfängt, das Gitternetz abzuschreiten (inwieweit diese Art der Untersuchung tatsächlich realistisch ist und ob sie in Deutschland praktiziert wird, ist noch eine ganz andere Frage). Genauso ist es mit Leichenöffnungen. Anfangs ist es vielleicht noch spannend, den Pathologen „zuzusehen“, wie sie die Leiche erst äußerlich untersuchen und die Befunde dokumentieren, dann Brustkorb und Abdomen öffnen, die Organe entnehmen und wiegen, Proben von Gewebe und Körperflüssigkeiten sichern, den Schädel öffnen, das Hirn und das Schädelinnere untersuchen und am Ende alles wieder verschließen. Aber beim 5. Mal wird es – Routine. Man will dann nicht mehr erzählt bekommen, dass der Bauch aufgeschnitten wird, um die Organe rauszunehmen und zu wiegen. Schon gar nicht, wenn die Todesursache eindeutig und vollkommen unstrittig ein Kopfschuss ist. Und jetzt stellt euch bitte vor, vor jeder Zeugenbefragung würde der Autor seine Kommissare auch noch die Personalien feststellen lassen.

Spannung ist Konzentration

Spannung entsteht, wenn Dinge in engem zeitlichen oder räumlichen Zusammenhang passieren, man das Ergebnis aber nicht absehen kann. Spannung hat viel mit Erwartung zu tun.
Das heißt im Umkehrschluss, dass man das ganze banale, routinemäßige Klein-Klein, das den überwiegenden Teil der Realität ausmacht herausfiltern und sich auf den Rest konzentrieren muss. Es bedeutet, aus den vielen Spezialisten ein kleines Team zu machen, wie bei Navy CIS, CSI, Bones oder Crossing Jordan. Es bedeutet, zeitlich und räumlich zu raffen, um Durchhänger zu vermeiden. Es bedeutet, die ganzen unwesentlichen Spuren auszublenden, es sei denn, aus ihnen ergeben sich wirklich gute Red Herrings. Und natürlich bedeutet es, zu dramatisieren.

Und wie schon oben gesagt, gilt das alles nicht nur für Krimis. Auch in allen anderen Genres muss man die Zahl der handelnden Figuren kontrolliert halten (es sei denn, man schreibt für Liebhaber des russischen Gesellschaftsromans im ausgehenden 19. Jahrhundert), die Handlung straffen und dramatisieren.

Ausgelesen: Killmousky und Havarie

Beide Bücher haben eins gemeinsam: Sie laufen unter der Bezeichnung Krimi. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch auf.

Killmousky von Sibylle Lewitscharoff ist ein klassischer Krimi mit Hard-Boiled-Anklängen. Es gibt den einsamen Wolf, einen Kommissar, seines Zeichens Verhörspezialist und vorzeitig entlassen, weil er einen Verdächtigen zu hart rangenommen hat. Die Parallelen zum Fall Gäfgen sind unübersehbar, werden aber noch gesteigert, weil der Kommissar nichts weniger will, als gleich zwei hübschen, jungen Mädchen das Leben zu retten – dabei aber scheitert. Das findet er tragisch (die Entlassung weniger, die sieht er ein), zumal er nicht recht weiß, was er danach mit seinem Leben anfangen soll. „Frauen? Zigaretten? Whiskey? Den lieben langen Tag?“ Die Entscheidung fällt schwer, zumal Whiskey eigentlich nicht sein Fall ist. Daher trifft er sich mit seiner Verflossenen, lässt die Wohnung ein bisschen verwahrlosen – aber bevor alles zu schlimm wird, winkt seine Vermieterin überraschend mit einem lukrativen Angebot. Ausgerechnet in New York, dabei spricht der Kommissar Englisch ungefähr genauso gut, wie der Ex-Bundespräsident Heinrich Lübke, Gott hab ihn selig.
Dem Auftraggeber, einem reichen Tycoon und dessen schöner Tochter ist das aber egal und so ermittelt der Kommissar mal auf Long Island und mal in der Gegend von München, wo er sich besser auskennt. Das Ende soll natürlich nicht vorweg genommen werden. Angesichts der wenigen Verdächtigen ist es aber wenig überraschend.
Das ist auch mein Hauptkritikpunkt: Für einen Krimi ist dieses Buch zu geradlinig und für hard-boiled ist es zu harmlos (oder, um es auf bayerisch zu sagen: zu liab). Der Kommissar hatte eine schwere Kindheit, aber das ist Geschichte und belastet ihn kaum. Es gibt keine Abgründe. Alle sind nett und höflich, bis auf den Mörder, versteht sich. Die Handlung dümpelt freundlich vor sich hin. Zwischendurch wird gut gegessen. Die Welt ist ein Winterwunderland. Dazu kommt eine sehr ziselierte Sprache, die durchaus hübsche Formulierungen enthält, aber überhaupt nicht zu dem angeblich aus einfachsten Verhältnissen stammenden Protagonisten passt.
Letztlich hat mich die Bitte meiner Tante am Ball gehalten, ich müsse ihr unbedingt und bitte ganz ehrlich sagen, was ich von dem Buch halte, sie habe es von einer Bekannten empfohlen bekommen, die literarisch sehr beschlagen sei und sonst nie Krimis lese. Na ja. Menschen, denen es allein auf eine schöne Sprache ankommt, wird dieses Buch sicher zusagen.

Havarie von Merle Kröger ist in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil. Vor allem ist es kein klassischer Krimi. Es gibt weder einen Kommissar, noch einen Mörder im herkömmlichen Sinn. Es gibt nicht einmal einen klaren Protagonisten.
Havarie erzählt vom zufälligen Zusammentreffen dreier Schiffe: einem Luxusliner, einem Containerfrachter und einem, mit 12 Flüchtlingen besetzten Schlauchboot in Seenot. Die Dramen, die sich dabei abspielen, werden in schnellen Sequenzen aus der Sicht von 11 Personen beleuchtet, die zum Teil auf den Schiffen, zum Teil aber auch an Land unterwegs sind. Dabei trägt jede der handelnden Figuren ihre eigenen Abgründe in sich. Niemand ist unversehrt. Trotzdem kommt es neben Tragödien auch zu Akten großer Menschlichkeit. Dabei wird nichts überhöht, nichts ausgeschmückt oder dramatisiert. Der Ausdruck wechselt gerade genug, um die einzelnen Figuren auch durch ihre Erzählweise kenntlich zu machen. Die Sprache bleibt aber im einen, wie im anderen Fall nüchtern, klar, präzise.
Ein Anhang mit Photos verleiht dem Inhalt zusätzliche Tiefe.
Keine einfache Kost. Aber ein großartiges Buch.

_________________________________________

Killmousky von Sibylle Lewitscharoff, erschienen 2014 bei Suhrkamp

Havarie von Merle Kröger, erschienen 2015 als Ariadne Kriminalroman im Argument Verlag

Frohes neues Jahr

In der Nacht zu heute ist etwas passiert, das in gewisser Weise zu meinem neuen Romans passt, in dem es im Kern um Vorurteile geht. Aber abgesehen davon, dass diese Geschichte wahr ist, ist sie einfach schön.

Um das Ganze zu verstehen, muss man ein bisschen über die Umgebung wissen, in der ich lebe: Ein großes Neubaugebiet in einer ehemaligen US Housing Area, die unmittelbar an eine Siedlung grenzt, die immer noch als sozialer Brennpunkt verschrieen ist. Ein Viertel mit vielen Nationalitäten und wenig Möglichkeiten etwas zu unternehmen; tagsüber ganz hübsch, aber nachts auch ein bisschen gruselig, wenn die Straßen leer sind, bis auf die Jugendlichen, die sich auf Spielplätzen und in dem kleinen Park die Kante geben. Auch, wenn mir noch nie etwas passiert ist: Gruppen Alkohol trinkender junger Männer sind mir suspekt. Gerade nachts und ich bin regelmäßig spät unterwegs, weil der Hund Auslauf braucht.

Auch diese Nacht war Mitternacht schon vorbei, als ich los kam, weil ich unbedingt noch einen Film zuende sehen wollte. Aus Richtung des Brennpunkts kamen Knallgeräusche. Silvester beginnt hier halt früher. Ich überlegte noch, ob ich deshalb einen anderen Weg nehmen sollte, als sonst, beschloss dann aber, dass vermutlich nur zwischen den Hochhäusern geballert wurde.
Dass das ein Irrtum war, erkannte ich, kurz nachdem ich aus unserer Wohnstraße auf das abgebogen war, was hier als Hauptstraße fungiert. Mir kam ein Trupp von ungefähr zehn Jugendlichen entgegen, die sich über die Straße hinweg mit Böllern bewarfen. Dazu gab es Gejohle, Gelächter und Geschrei in irgendeiner Sprache, die ich nicht verstehe. Dann hörte der Bürgersteig auf der anderen Straßenseite auf und alle kamen auf meine Seite rüber. Natürlich machten sie weiter, nur eben enger beieinander und fanden das totkomisch. Mir ging in dem Moment der Arsch ziemlich auf Grundeis.
Eine Frau allein auf einer dunklen Straße, nur begleitet von einem Hund im Katzenformat gegen eine Gruppe aufgeputschter, dunkelhaariger Jugendlicher. Keine Möglichkeit auszuweichen. Das ist der Stoff aus dem Alpträume und Horrorstories gemacht werden.

Wir waren noch ungefähr fünf Meter von einander entfernt, als der Erste mich bemerkte, sich umdrehte und den hinter ihm Gehenden zubrüllte: „Hört mal ’nen Moment auf, ey!“
Natürlich war nicht sofort Schluss, aber einer hinter schrie: „Zivilisten!“, und es bildete sich eine Gasse für Hund und mich. Die Knallerei stoppte und der Vorletzte wünschte: „Frohes neues Jahr.“
Den Wunsch habe ich gerne erwidert.

Und weil das einfach eine schöne Geschichte ist, möchte ich das Erlebte gerne mit euch teilen und dazu nutzen, euch ebenfalls einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr zu wünschen, auch wenn es eigentlich noch ein paar Stunden zu früh ist.

Warum gerade Krimis?

Man könnte meinen, die Frage erübrige sich bei einer Juristin, die im Schwerpunkt Strafrecht und Kriminologie studiert hat. Das ist falsch.  Die Fiktion im Kriminalroman und die Rechtswirklichkeit des Juristen haben nur wenige Berührungspunkte. Juristen diskutieren z. B. darüber, ob ein Mord vorliegt, wenn der Täter sein Opfer liegen lässt, weil ihm egal ist, ob das die Verletzungen überlebt, ein Nachbar rechtzeitig den Notarzt alarmiert, das Opfer aber am Ende doch stirbt, weil der ebenfalls rechtzeitig eingetroffene Rettungshubschrauber auf dem Flug zum Krankenhaus abstürzt.  Den Krimiautor interessiert, wer der Täter ist, wieso er gerade dieses Opfer ausgesucht hat und ob und aufgrund welcher Beweise er überführt wird..

Das soll jetzt nicht heißen, dass Juristerei und Krimi überhaupt nicht vereinbar sind. Trotzdem bin ich lange davor zurückgescheut, selber einen zu schreiben und habe mich zuerst in anderen Genres versucht. Dann aber hat mich ein Thema gepackt, das sich nur als Krimi sinnvoll umsetzen ließ und beim Schreiben hatte ich mein persönliches Aha-Erlebnis. Krimis sind nicht großartige Lektüre, sondern es bereitet mir auch unglaublichen Spaß, sie zu schreiben. Mir geht es wie Boris Akunin, der über sich einmal gesagt hat, er spiele leidenschaftlich gerne, aber Kriminalromane zu schreiben, sei noch spannender. Beides kann ich vorbehaltlos unterschreiben.

Der klassische Kriminalroman hat ein Aufbauschema, das in seiner Einfachheit auf den ersten Blick langweilig wirkt: Einen Mord im 1. Drittel, die Auflösung am Ende und einen (oder mehrere) mehr oder weniger clevere Ermittler, die verschiedenen Spuren nachgehen. Aber innerhalb dieses Schemas genießt man als Autor unglaubliche Freiheiten. Das betrifft sowohl die Wahl des Themas, als auch das Setting und die Figuren. In der Nebenhandlung lässt sich das Hauptthema verstärken oder man kann Gefühle, Schwächen oder Beziehungen der Figuren untereinander ausloten. Gleichzeitig ist es eine intellektuelle Herausforderung, falsche Fährten zu konstruieren und den Leser in die Irre zu führen, gleichzeitig aber Hinweise auf die tatsächliche Lösung und den wahren Täter einzustreuen. Und nicht ganz unerheblich könnte auch sein, dass die Lösung eines Krimis immer auch den Wunsch nach (epischer) Gerechtigkeit befriedigt.

Deshalb ausgerechnet Krimis.