Sklaverei

Ausgelesen: Die Entführung der Delia Wright

„Die Entführung der Delia Wright“ ist nach „Der Teufel von New York“ der zweite Roman um den Polizisten Timothy Wilde. Die Geschichte spielt 1846 in New York; gerade mal ein halbes Jahr, nachdem die Stadt eine reguläre Polizeitruppe erhielt. Die Truppe ist ein Spiegelbild der Stadt selbst. Die Polizisten sind nur allzu oft korrupt und gegen Schmiergelder gern bereit, wegzusehen oder sich zum Helfershelfer der Verbrecher zu machen, die sie eigentlich bekämpfen sollten. Timothy Wilde gehört zur anderen Sorte, was sein Leben nicht gerade erleichtert.
Die Geschichte startet etwas schwerfällig mit der Aufklärung eines Diebstahls, nimmt aber Fahrt auf, als eine wunderschöne Frau in die Polizeiwache stürmt und erklärt, ihre Familie sei gestohlen worden. Sklavenjäger hätten ihre Schwester und ihren Sohn entführt. Erst jetzt wird Timothy Wilde klar, dass die Frau keine spanischen, sondern afrikanischen Wurzeln hat. Damit gilt sie als Schwarze und Neger sind Freiwild, selbst im Norden. Aber die Geschichte ist noch weit komplizierter und Timothy Wilde bekommt es mit sehr gefährlichen Gegnern zu tun.

Die Geschichte ist nicht nur spannend, sondern auch gut recherchiert. Jedem Kapitel sind Zitate aus Reiseberichten, Predigten und anderen zeitgenössischen Quellen zur Sklaverei vorangestellt – befürwortende, wie ablehnende. Dabei ergeben sich erstaunliche Parallelen zur derzeitigen Islam-/Ausländerdiskussion. Lediglich die Figur des Timothy Wilde ist für meinen Geschmack etwas zu zahm geraten. Er ist allzeit bereit, für Recht, Gesetz und Moral zu kämpfen, hat keine Vorurteile, nicht einmal Vorbehalte anderen gegenüber, nimmt außer einem gelegentlichen Schluck Alkohol keine Drogen, nimmt keine Schmiergelder, hurt nicht und hat auch sonst keine Laster. Angesichts seiner Lebensumstände ist seine Haltung schon zu gut, um vollkommen glaubhaft zu sein. Allerdings ist die Geschichte so spannend erzählt, dass diese kleine Ungenauigkeit kaum auffällt. Und vielleicht verkörpert er auch genau das, was sich viele Leser wünschen: den Helden in weißer Weste.

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Lindsay Faye, Die Entführung der Mrs. Wright, dtb 2015

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