Sprache

April Challenge (Tag 28): Der beste Satz aller Zeiten

„Fave Sentence ever written“, lautet die Tagesaufgabe der von Kate Stark ausgerufenen Challenge im Original. Das ist ein bisschen mehrdeutig, schafft dadurch aber auch Raum für eigene Interpretationen und Gestaltung. Je nachdem, ob der Lieblingssatz generell gemeint ist, ein besonders treffender Sinn- oder Urteilsspruch, der nach eigener Ansicht beste Satz, den man je formuliert hat oder die beste eigene Sentenz ergeben sich ganz unterschiedliche Antworten.

Mein Lieblingssatz (generell):

Die Sonne hatte sich wie schon so oft in der Geschichte langsam aus dem Meer erhoben, und ihre rötlichen Strahlen verliehen dem aufgehenden Morgen ein wenig von einem Romananfang.

Mit diesem Satz beginnt der Roman „Die Instrumente des Herrn Jörgensen“ von Richard David Precht und Georg Jonathan Precht. Ich finde diesen Satz nicht nur sprachlich schön, sondern bin von dem doppelten Rückbezug einfach hingerissen. Die Geschichte ist zwar teilweise etwas verworren, aber von der Sprache her ein wirklicher Leckerbissen.

Mein liebster Urteilsspruch (generell):

Many that live deserve death. And some that die deserve life. Can you give it to them? Than do not be too eager to deal out death in judgement. For even the wise cannot see all ends.

Erkannt? Der Satz stammt natürlich aus dem Herrn der Ringe und ist ein Zitat von Gandalf und die Antwort auf Frodos Meinung, Bilbo hätte Gollum töten sollen, als er die Gelegenheit gehabt habe. Meines Erachtens ist das gleichzeitig der beste Satz, der je zur Todesstrafe gesagt wurde.

Mein liebster eigener Satz:

„Du bist ja wohl bregenklöterig: Die Stadt brennt und du sorgst dich um die Maische!“

Der Satz steht im Kontext zum großen Brand von Hamburg 1942 und ist entstanden, als ich noch dachte, historische Romane schreiben zu wollen. Von dieser Vorstellung habe ich mich inzwischen verabschiedet. Aber die Szene an deren Abschluss dieser Satz steht, mag ich immer noch.

Meine liebste eigene Sentenz:

Meine (derzeit) liebste eigene Sentenz stammt aus meinem zweiten Krimi und ist ein Ausbruch von KHK Friedensbach:

„Ich meine gar nichts, was den Fall angeht. Aber ich meine, dass es falsch ist, Menschen in Schubladen zu stecken und die nach gut und böse zu etikettieren, auch wenn es das Leben leichter und übersichtlicher zu machen scheint. Zigeuner sind dreckig, Rumänen klauen, Italiener reden viel,  Deutsche sind ordentlich, Religion ist Opium für das Volk, Männer wollen nur das Eine und Frauen können nicht einparken – was für ein Schwachsinn! Hitler war Vegetarier, Atheist und dem Vernehmen nach sehr tierlieb. Trotzdem hat er der Welt 20 Millionen Tote und unsagbares Leiden beschert.« Er schloss kurz die Augen und sagte dann mit sanfterer Stimme, als zuvor: »In jeder Gruppe finden sich zehn Prozent Idioten und ein Prozent, das in gefährlicher Form gewalttätig ist. Vollkommen egal, ob das nun Moslems, Lehrer, Veganer oder Fahrradfahrer sind.“

Ob er recht hat? Das muss jede/r selbst entscheiden.

Ausgelesen: Killmousky und Havarie

Beide Bücher haben eins gemeinsam: Sie laufen unter der Bezeichnung Krimi. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch auf.

Killmousky von Sibylle Lewitscharoff ist ein klassischer Krimi mit Hard-Boiled-Anklängen. Es gibt den einsamen Wolf, einen Kommissar, seines Zeichens Verhörspezialist und vorzeitig entlassen, weil er einen Verdächtigen zu hart rangenommen hat. Die Parallelen zum Fall Gäfgen sind unübersehbar, werden aber noch gesteigert, weil der Kommissar nichts weniger will, als gleich zwei hübschen, jungen Mädchen das Leben zu retten – dabei aber scheitert. Das findet er tragisch (die Entlassung weniger, die sieht er ein), zumal er nicht recht weiß, was er danach mit seinem Leben anfangen soll. „Frauen? Zigaretten? Whiskey? Den lieben langen Tag?“ Die Entscheidung fällt schwer, zumal Whiskey eigentlich nicht sein Fall ist. Daher trifft er sich mit seiner Verflossenen, lässt die Wohnung ein bisschen verwahrlosen – aber bevor alles zu schlimm wird, winkt seine Vermieterin überraschend mit einem lukrativen Angebot. Ausgerechnet in New York, dabei spricht der Kommissar Englisch ungefähr genauso gut, wie der Ex-Bundespräsident Heinrich Lübke, Gott hab ihn selig.
Dem Auftraggeber, einem reichen Tycoon und dessen schöner Tochter ist das aber egal und so ermittelt der Kommissar mal auf Long Island und mal in der Gegend von München, wo er sich besser auskennt. Das Ende soll natürlich nicht vorweg genommen werden. Angesichts der wenigen Verdächtigen ist es aber wenig überraschend.
Das ist auch mein Hauptkritikpunkt: Für einen Krimi ist dieses Buch zu geradlinig und für hard-boiled ist es zu harmlos (oder, um es auf bayerisch zu sagen: zu liab). Der Kommissar hatte eine schwere Kindheit, aber das ist Geschichte und belastet ihn kaum. Es gibt keine Abgründe. Alle sind nett und höflich, bis auf den Mörder, versteht sich. Die Handlung dümpelt freundlich vor sich hin. Zwischendurch wird gut gegessen. Die Welt ist ein Winterwunderland. Dazu kommt eine sehr ziselierte Sprache, die durchaus hübsche Formulierungen enthält, aber überhaupt nicht zu dem angeblich aus einfachsten Verhältnissen stammenden Protagonisten passt.
Letztlich hat mich die Bitte meiner Tante am Ball gehalten, ich müsse ihr unbedingt und bitte ganz ehrlich sagen, was ich von dem Buch halte, sie habe es von einer Bekannten empfohlen bekommen, die literarisch sehr beschlagen sei und sonst nie Krimis lese. Na ja. Menschen, denen es allein auf eine schöne Sprache ankommt, wird dieses Buch sicher zusagen.

Havarie von Merle Kröger ist in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil. Vor allem ist es kein klassischer Krimi. Es gibt weder einen Kommissar, noch einen Mörder im herkömmlichen Sinn. Es gibt nicht einmal einen klaren Protagonisten.
Havarie erzählt vom zufälligen Zusammentreffen dreier Schiffe: einem Luxusliner, einem Containerfrachter und einem, mit 12 Flüchtlingen besetzten Schlauchboot in Seenot. Die Dramen, die sich dabei abspielen, werden in schnellen Sequenzen aus der Sicht von 11 Personen beleuchtet, die zum Teil auf den Schiffen, zum Teil aber auch an Land unterwegs sind. Dabei trägt jede der handelnden Figuren ihre eigenen Abgründe in sich. Niemand ist unversehrt. Trotzdem kommt es neben Tragödien auch zu Akten großer Menschlichkeit. Dabei wird nichts überhöht, nichts ausgeschmückt oder dramatisiert. Der Ausdruck wechselt gerade genug, um die einzelnen Figuren auch durch ihre Erzählweise kenntlich zu machen. Die Sprache bleibt aber im einen, wie im anderen Fall nüchtern, klar, präzise.
Ein Anhang mit Photos verleiht dem Inhalt zusätzliche Tiefe.
Keine einfache Kost. Aber ein großartiges Buch.

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Killmousky von Sibylle Lewitscharoff, erschienen 2014 bei Suhrkamp

Havarie von Merle Kröger, erschienen 2015 als Ariadne Kriminalroman im Argument Verlag