Täter

April Challenge (Tag 18): Auf der Suche nach dem Antagonisten

„The Antagonist takes over,“ lautet die heutige Aufgabe der Schreibchallenge von Kate Stark. Aber es ist wirklich schwer zu sagen, wer mein Antagonist ist. Schließlich schreibe ich keine Thriller in denen ein blutdurstiger Psychopath umgeht und von der Protagonistin (oder dem Protagonisten) erledigt werden muss. Meine Krimis kommen deutlich stiller daher und der Mörder versucht in der Regel unauffällig zu bleiben. Möglicherweise schreibe ich irgendwann auch mal einen Krimi mit einem psychopathischen Mörder, der die Ermittler aktiv herausfordert. Ein moderner Jack the Ripper. Aber in diesem Fall verhält sich der Täter so, wie sich die meisten Täter in der Realität verhalten, sofern sie die Tat nicht gleich gestehen: Er leugnet und versucht, unter dem Radar zu bleiben.

Vielleicht muss man deshalb den Fall als solchen als Antagonisten begreifen.
Der hat es deutlich in sich, denn das Opfer war – gelinde gesagt – ein Mistkerl, der seiner Umwelt mehr als genug Gründe geliefert hat, ihn umzubringen. Neben persönlichen Motiven wie Gier und Rache gibt es Hinweise auf eine Verstrickung in die organisierte Kriminalität. Zeugen gibt es keine, dafür aber jede Menge Verdächtige und je mehr die Ermittler herausfinden, desto weiter entfernt scheinen sie von der Auflösung entfernt.

So gesehen, ist der Fall wirklich der Antagonist, der den Ermittlern immer neue Hindernisse in den Weg legt und ganz besonders Jana Hirte, die Neue, zwingt, an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen und damit auch ihre persönlichen Beziehungen auf’s Spiel zu setzen.

Advertisements

Voll im Trend

Auf Twitter kursierte gerade die Meldung, dass die Hugendubel-Zentraleinkäuferin auf der Verlegerkonferenz gesagt habe, der Trend gehe zu weniger Blut im Krimi. Damit liegen meine Who-dunnits voll im Trend. Bisher bringe ich es in zwei Krimis gerade mal auf drei Leichen.
Die Geschichten leben von den Charakteren und der Frage nach Täter und Motiv. Nicht von der Menge an Blut, die zwischen den Seiten vergossen wird.

Ausgelesen: Killmousky und Havarie

Beide Bücher haben eins gemeinsam: Sie laufen unter der Bezeichnung Krimi. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch auf.

Killmousky von Sibylle Lewitscharoff ist ein klassischer Krimi mit Hard-Boiled-Anklängen. Es gibt den einsamen Wolf, einen Kommissar, seines Zeichens Verhörspezialist und vorzeitig entlassen, weil er einen Verdächtigen zu hart rangenommen hat. Die Parallelen zum Fall Gäfgen sind unübersehbar, werden aber noch gesteigert, weil der Kommissar nichts weniger will, als gleich zwei hübschen, jungen Mädchen das Leben zu retten – dabei aber scheitert. Das findet er tragisch (die Entlassung weniger, die sieht er ein), zumal er nicht recht weiß, was er danach mit seinem Leben anfangen soll. „Frauen? Zigaretten? Whiskey? Den lieben langen Tag?“ Die Entscheidung fällt schwer, zumal Whiskey eigentlich nicht sein Fall ist. Daher trifft er sich mit seiner Verflossenen, lässt die Wohnung ein bisschen verwahrlosen – aber bevor alles zu schlimm wird, winkt seine Vermieterin überraschend mit einem lukrativen Angebot. Ausgerechnet in New York, dabei spricht der Kommissar Englisch ungefähr genauso gut, wie der Ex-Bundespräsident Heinrich Lübke, Gott hab ihn selig.
Dem Auftraggeber, einem reichen Tycoon und dessen schöner Tochter ist das aber egal und so ermittelt der Kommissar mal auf Long Island und mal in der Gegend von München, wo er sich besser auskennt. Das Ende soll natürlich nicht vorweg genommen werden. Angesichts der wenigen Verdächtigen ist es aber wenig überraschend.
Das ist auch mein Hauptkritikpunkt: Für einen Krimi ist dieses Buch zu geradlinig und für hard-boiled ist es zu harmlos (oder, um es auf bayerisch zu sagen: zu liab). Der Kommissar hatte eine schwere Kindheit, aber das ist Geschichte und belastet ihn kaum. Es gibt keine Abgründe. Alle sind nett und höflich, bis auf den Mörder, versteht sich. Die Handlung dümpelt freundlich vor sich hin. Zwischendurch wird gut gegessen. Die Welt ist ein Winterwunderland. Dazu kommt eine sehr ziselierte Sprache, die durchaus hübsche Formulierungen enthält, aber überhaupt nicht zu dem angeblich aus einfachsten Verhältnissen stammenden Protagonisten passt.
Letztlich hat mich die Bitte meiner Tante am Ball gehalten, ich müsse ihr unbedingt und bitte ganz ehrlich sagen, was ich von dem Buch halte, sie habe es von einer Bekannten empfohlen bekommen, die literarisch sehr beschlagen sei und sonst nie Krimis lese. Na ja. Menschen, denen es allein auf eine schöne Sprache ankommt, wird dieses Buch sicher zusagen.

Havarie von Merle Kröger ist in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil. Vor allem ist es kein klassischer Krimi. Es gibt weder einen Kommissar, noch einen Mörder im herkömmlichen Sinn. Es gibt nicht einmal einen klaren Protagonisten.
Havarie erzählt vom zufälligen Zusammentreffen dreier Schiffe: einem Luxusliner, einem Containerfrachter und einem, mit 12 Flüchtlingen besetzten Schlauchboot in Seenot. Die Dramen, die sich dabei abspielen, werden in schnellen Sequenzen aus der Sicht von 11 Personen beleuchtet, die zum Teil auf den Schiffen, zum Teil aber auch an Land unterwegs sind. Dabei trägt jede der handelnden Figuren ihre eigenen Abgründe in sich. Niemand ist unversehrt. Trotzdem kommt es neben Tragödien auch zu Akten großer Menschlichkeit. Dabei wird nichts überhöht, nichts ausgeschmückt oder dramatisiert. Der Ausdruck wechselt gerade genug, um die einzelnen Figuren auch durch ihre Erzählweise kenntlich zu machen. Die Sprache bleibt aber im einen, wie im anderen Fall nüchtern, klar, präzise.
Ein Anhang mit Photos verleiht dem Inhalt zusätzliche Tiefe.
Keine einfache Kost. Aber ein großartiges Buch.

_________________________________________

Killmousky von Sibylle Lewitscharoff, erschienen 2014 bei Suhrkamp

Havarie von Merle Kröger, erschienen 2015 als Ariadne Kriminalroman im Argument Verlag