Überarbeiten

April Challenge (Tag 7) – Die Protagonisten übernehmen

Genau genommen lautet die Aufgabe der Challenge von Kate Stark : „The Protagonist takes over“, aber da ich ja mit mehreren Protagonisten arbeite, habe ich mir erlaubt, den Titel entsprechend zu ändern.

Mein Dream-Team aus Jana Hirte, KK Alexandra Obritz und KHK Thomas Friedensbach habe ich hier schon kurz vorgestellt. Viel Neues kann ich über sie nicht erzählen. Es deshalb bei dem Link zu belassen, wäre aber blöd. Den Inhalt einfach zu wiederholen auch. Deshalb stelle ich sie noch einmal mit einer kurzen Leseprobe aus der aktuellen Version des Romans vor. Wie man (hoffentlich unschwer) erkennt, ist es ihr erstes Zusammentreffen. Jana ist vor Beginn ihres studienbegleitenden Praktikums im Präsidium vorbeigekommen, um sich vorzustellen. KHK Friedensbach hat sie herumgeführt. Zum Abschluss der Tour zeigt er ihr das Büro:

Der Raum wäre mit zwei Schreibtischen schon gut gefüllt gewesen. Statt dessen standen drei darin. Außerdem Aktenschränke, mehrere Regale und eine Art Sideboard, auf dem eine Kaffeemaschine thronte.
Jana wollte gerade fragen, für wen der dritte Schreibtisch war, als eine riesige Frau in Rot hereinstürmte. Lederjacke, Hose, Lippenstift – selbst die stoppeligen Haare waren knallrot. Die einzigen andersfarbigen Kleidungsstücke waren kniehohe schwarze Bikerstiefel und schwarze, nietenbesetzte Lederhandschuhe, deren Stulpen fast bis an die Ellenbogen reichten. Fehlte nur die Peitsche. Jana war sich sicher, die Inhaberin eines Dominastudios vor sich zu haben, bis Friedensbach den Irrtum aufklärte und die Frau in Rot als seine Kollegin vorstellte und hinzufügte: »Frau Obritz wird ihre Haupt-Ansprechpartnerin sein, weil ich mich zusätzlich auch um Verwaltungsfragen kümmern muss.«
»Du kannst mich Alexandra nennen«, sagte die Rothaarige. »Ich bin nicht so förmlich.«
Jana war so überwältigt von dieser Erscheinung, dass sie die ausgestreckte Hand übersah und spontan fragte: »Laufen Sie immer so rum?«
Der Blick hätte Beton zum Schmelzen gebracht. Er verwandelte Janas Magen in einen Feuerball, dessen Hitze noch Hals und Wangen in Flammen aufgehen ließ. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn die Decke aufgerissen und als glühender Hagel herabgeprasselt wäre. Mit trockenem Mund stammelte sie eine Entschuldigung, was die Sache natürlich kein bisschen besser machte, denn jetzt klang sie, wie ein kleines Mädchen, das aus der Keksdose genascht hatte. Ein Wurm, den die Titanin unter ihrem Stiefelabsatz zertreten würde. Schließlich war es KHK Friedensbach, der die Situation irgendwie rettete, und die Rothaarige antwortete, nun beinahe freundlich, sie habe immer Schuhe und Anzug zum Wechseln im Büro. Diese Sachen trage sie nur auf dem Motorrad.

 

April Challenge: Woran ich arbeite

Heute beginnt die von Kate Stark ins Leben gerufene #aprilcampwritingchallenge, die ich im letzten Beitrag ja schon kurz vorgestellt hatte. Die erste Aufgabe lautet: Your WIP, besteht also darin, das aktuelle Projekt vorzustellen.

Bei mir ist das ein Krimi über Antikenhehlerei, den ich letztes Jahr um Pfingsten rum beendet habe und der jetzt dementsprechend gut abgehangen ist. Das Manuskript besteht aktuell aus 279 Seiten und muss von Grund auf überarbeitet werden. Beim Korrekturlesen habe ich mir notiert, dass folgende Änderungen unbedingt notwendig sind:

  • Zwei neue Erzählperspektiven einführen, so dass die Geschichte aus drei, wie bisher aus einer Perspektive erzählt wird und alle drei Ermittler zu Wort kommen.
  • Eine Nebenhandlung streichen, die weder für den Plot, noch zum Verständnis der Protagonisten erforderlich ist.
  • Das Verhalten der Ermittler schlüssiger gestalten. Bisher agieren die oft noch sehr wechselhaft und daher wenig nachvollziehbar.
  • Die Ermittler sollen mehr Privatleben bekommen. Das gilt insbesondere, für meinen Hauptcharakter, Kriminalanwärterin Jana Hirte.
  • Die Handlung zwei Wochen vorverlegen, damit der Beginn der Handlung zu Janas Studiumszeiten passt.
  • Die einzelnen Szenen neu gewichten und in eine andere Reihenfolge bringen. Beim Plotten hatte ich zwar eine sehr genaue Vorstellung davon, warum was in welcher Reihenfolge passiert – diese Logik erschließt sich beim Lesen aber nicht.
  • Nicht zuletzt sind natürlich sind auch ein paar Plotlöcher aufgetaucht, die ausgefüllt werden müssen. Und wie das dann so ist, hat das Ausfüllen Auswirkungen auf den Rest der Handlung, so dass auch dadurch noch ein paar Sachen glattgezogen werden müssen.

Tja, ist eine Menge Arbeit. Aber in gewisser Weise freue ich mich drauf.

 

Werkstattberichte: Löcher

Bei der heutigen Hunderunde ist mir aufgefallen, dass ein im Roman sehr real vorhandenes Loch zu einer Lücke im Plot führt. Dieses Loch wird bisher nämlich überhaupt nicht beachtet. Eine unglaubliche Nachlässigkeit von Spurensicherung und Ermittlern. Selbst wenn man berücksichtigt, dass es zwischendurch verfüllt wurde: Es hätte auffallen müssen! Ich prangere diese Nachlässigkeit an und werde dafür sorgen, dass sich das ändert.
Also: Das Loch bleibt, bekommt aber die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt. Vermutlich wird es sogar aufgegraben. Aber welche Erkenntnisse sich daraus ableiten, verrate ich natürlich nicht.

Eine Leiche weniger

Beim Überarbeiten ist mir klar geworden, dass ich eine der Nebenhandlungen rausschmeißen muss, weil sie von der Haupthandlung ablenkt und nichts Neues über die Protagonisten verrät. Damit fällt zwar eine Leiche weg, aber ich glaube ohnehin nicht, dass sich die Spannung oder gar die Qualität eines Krimis an der Zahl der darin vorkommenden Toten festmachen lässt.

Mord in Serie

Habe gerade in knapp zwei Stunden den Plot für einen neuen Krimi mit meinen Frankfurter Kommissaren ausgearbeitet. Wie ich schon bei diesem Beitrag vor ein paar Tagen angedeutet habe, wird es dieses Mal nicht bei einem Mord bleiben.

Wenn das Überarbeiten doch genauso leicht von der Hand ginge.

Überarbeiten ja, aber wie?

Das Überarbeiten von Texten ist ein Dauerthema für jeden, der sich ernsthaft mit dem Schreiben beschäftigt und entsprechend viele Anleitungen dazu gibt es. Dabei scheint weitgehende Einigkeit zu bestehen, dass man einen Text vor allem kürzen muss, damit er gut wird. Dem möchte ich im Folgenden ein bisschen widersprechen:

Eine Geschichte ist kein englischer Rasen, bei dem man allen Wildwuchs ausmerzen und alle Grashalme auf die gleiche Länge trimmen muss, damit er gut aussieht. Eher ist sie ein englischer Park, mit alten Bäumen, gewundenen Wegen und vielleicht einem versteckten See – um bei den gärtnerischen Vergleichen zu bleiben. Das Idealbild eines solchen Parks ist, dass alles ganz natürlich wirkt. Dabei beruht er auf genauer Planung. Jeder Weg, jede Blickachse ist vorab geplant, Bäume sind gezielt gepflanzt oder gerodet worden, der See vermutlich eigens ausgehoben und die malerische Ruine war nie intakt, sondern wurde bereits als Ruine gebaut.
Was der Landschaftsarchitekt bei der Anlage jedoch berücksichtigt, sind die natürlichen Gegebenheiten. Er sieht sich vorher um, macht sich mit dem Gelände vertraut, überlegt, welche Landschaftsmarken erhalten und betont werden sollten, wo etwas weggenommen und wo hinzugefügt werden muss.

Ähnlich sollte man meines Erachtens auch beim Überarbeiten von Manuskripten vorgehen. Also das Ding erst Mal lesen und sich Gedanken machen, was die Kernaussagen sind, wo die Handlung ins Klischee abgleitet und ob es irgendwelche Plotlöcher oder Brüche gibt, bevor man irgendetwas ändert. Danach macht man sich an die Planung zu konkreten Änderungen.
Auch wenn man kein Freund des Plottens ist, ist es spätestens jetzt sinnvoll, sich Notizen zu den einzelnen Szenen, den darin vorkommenden Personen und Orten zu machen und diese mit einem Zeitstrahl zu verbinden. Gerade bei komplexen Handlungen vermeidet man dadurch, dass eine Person, die eben noch in Stuttgart war, plötzlich in Detroit auftaucht, oder dass ein Nebencharakter mehr (oder wichtigere) Handlungsanteile hat, als der Protagonist.

Bei mir ergibt dieser Bearbeitungsschritt in der Regel nicht, dass gekürzt werden muss, sondern die Kernaussagen durch Handlung und/oder Beschreibung verstärkt werden müssen. Ich schreibe sehr gedrängt. Ausufernde Beschreibungen und Charakterisierungen sind nicht mein Ding, so dass der erste Entwurf oft noch skizzenhaft wirkt. Da heißt es dann nicht kürzen, sondern auffüllen. Das Gleiche gilt natürlich für Plotlöcher. Auch die werden nur durch Zufügungen kleiner.
Wenn das getan ist, lasse ich das Manuskript wieder für ein paar Wochen liegen und lese es ein zweites Mal auf Stimmigkeit. Den Prozess wiederhole ich so lange, bis ich im Wesentlichen zufrieden bin. Erst dann geht es an Details, wie das Kürzen von Bandwurmsätzen und das Ausrotten nichtssagender Adjektive.

Schreibtipp: Vergiss Schreibtipps, wenn du schreibst!

Zugegeben: Das klingt erst mal widersinnig. Es wird aber logisch, wenn man die Abschnitte des Schreibprozesses betrachtet.

  1. Zunächst mal braucht man eine Idee. Es folgen Recherche und weitere Beschäftigung mit dem Thema, bis man die Idee entweder verwirft oder für brauchbar erklärt.
  2. Plotter legen jetzt einen Zwischenschritt für die Planung ein, Pantser gehen gleich zum Punkt 3 über.
  3. Das eigentliche Schreiben. Angefangen beim ersten Wort bis hin zum Ende.
  4. Die Rohfassung wird überarbeitet.
  5. – wievielauchimmer sind weitere Überarbeitungen.

Schreibtipps nutzen bei den Punkten 2, 4, 5 usw. Für Plotter ist es natürlich sinnvoll, nach Dreiaktmodell, 7 – Punkte-Methode, 8er Bogenmodell, Heldenreise oder was auch immer einem am meisten liegt, zu planen, Plot- und Wendepunkte festzulegen, Spannungsbögen aufzubauen, Charaktereigenschaften festzulegen und, und, und.
Genauso ist es auch beim Überarbeiten. Natürlich sollte man da darauf achten, ob der 1. Wendepunkt etwa bei einem Drittel liegt, ob die Charaktere sich so verhalten, wie sie sollen, ob Dialoge natürlich wirken und ob sich der Text mit Adjektivitis infiziert hat.

Aber bei Punkt 3, beim Schreiben selbst darf man das alles getrost vergessen. Alles, was beim Schreiben zählt, ist das Schreiben auf das Ziel zu. Erst, wenn man das erreicht hat, darf man sich wieder an die ganzen Tipps und Regeln erinnern.
Das ist gemeint, wenn manchmal empfohlen wird, den inneren Lektor beim Schreiben wegzusperren.

Und noch ein Tipp: Gönnt euch einen Prosecco, einen Whisky oder was auch immer euer Lieblingsgetränk für besondere Anlässe ist und gratuliert euch selber zum Erfolg. Eine Geschichte, besonders einen Roman zuende zu schreiben, ist nämlich eine wirkliche Leistung!

P.S.: Diesen Schreibtipp solltest Du natürlich nicht vergessen.

Was Überarbeiten mit Schnapsbrennerei zu tun hat

In den meisten Schreibratgebern steht sinngemäß, dass der erste Entwurf eines Manuskripts generell Mist sei und die wahre Kunst im richtigen Überarbeiten bestehe.

Dem kann ich so nicht zustimmen.

Wenn ich meine Texte durchlese, stelle ich fest, dass vor allem der Anfang und das Ende einer Szene Probleme bereiten, während der Mittelteil abgesehen von ein paar Schwächen meist ganz ok ist.
Und das bringt mich zum Schnapsbrennen. Beim Destillieren gilt nämlich etwas ganz Ähnliches: Der Vorlauf ist vollkommen ungenießbar und der Nachlauf überwiegend bäh, daher werden beide weggeschüttet. Weiterverarbeitet wird nur das hochwertige Herzstück.
So kann man auch beim Überarbeiten von Texten vorgehen.

Ich spreche hier übrigens ganz bewusst vom Überarbeiten. Beim Entwerfen und Schreiben sind solche Beschränkungen eher hinderlich. Da fallen mir eher Parallelen zu Aufwärmübungen beim Sport ein. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Werkstattbericht: Grundgedanken zum Überarbeiten

Der Entwurf für den ersten Band meiner Frankfurt Krimis ist jetzt gut abgehangen; alles Herzblut ist rausgetropft. Mit anderen Worten: Er ist mir fremd geworden und damit reif für die Überarbeitung.

In der Zwischenzeit ist mir klar geworden, dass zwei Dinge in jedem Fall geändert, oder genauer gesagt: ausgebaut werden müssen: Das sind die Erzählperspektive und die Beschreibungen.

Ich habe diesen Band lediglich aus der Perspektive der Kriminalanwärterin Jana Hirte erzählt, die im Rahmen ihres letzten Praktikums frisch ins Morddezernat gekommen ist und erst seit kurzem in Frankfurt lebt. Für sie ist also alles neu. Für mich hatte das beim Schreiben den Vorteil, sie auch „dumme“ Fragen stellen lassen zu können, ohne sie als dumm darzustellen.  Beim Schreiben des zweiten Bandes habe ich allerdings gemerkt, dass mir das auch viele Möglichkeiten nimmt.
Im zweiten Band verwende ich drei Perspektiven, entsprechend der Zahl der Protagonisten. Dadurch ist es nicht nur viel besser möglich, verschiedene Meinungen und Blickwinkel wiederzugeben, die Geschichte gewinnt auch mehr Dynamik. Deshalb werde ich den ersten Band so umarbeiten, dass auch die Sichtweise der beiden anderen Protagonisten, Kriminalkommissarin Alexandra Obritz und Kriminalhauptkommissar Thomas Friedensbach deutlicher berücksichtigt wird (und nicht nur aus der Wahrnehmung von Jana Hirte). Das heißt möglicherweise auch, dass ich zusätzliche Handlungsstränge einflechten und verstärkt auf das Privatleben der beiden anderen eingehen kann.
 
Indem ich die Erzählperspektive ändere, muss ich logischerweise auch die Beschreibungen anpassen. Für eine gestandene Kriminalbeamtin ist der Anblick einer Leiche nun einmal etwas anderes, als für den Frischling. Männer reagieren auf den Anblick einer Frau in knappem Rock und Pumps anders als Frauen. Friedensbach ist da keine Ausnahme.
Aber abgesehen davon, muss ich die Beschreibungen auch generell auffüttern. Oft begnüge ich mich nämlich mit zwei bis drei Sätzen, um nicht ins Schwafeln zu geraten und langweilig zu werden. Das stimmt zwar mit dem Grundsatz überein, der einem in jedem Schreibratgeber eingebläut wird, nämlich lieber das sprechende Detail zu suchen, als sich in Einzelheiten zu verlieren. Aber nicht immer gibt es das eine Detail, das für das große Ganze steht und in diesen Fällen braucht es mehr Worte, um ein Bild entstehen zu lassen.