Verlage

kräftiges Minus bei Bastei-Lübbe

Erinnert ihr euch noch an den Artikel über mögliche Bilanztricksereien bei Bastei-Lübbe?

Nun meldet der Vorstand, die Prüfer von KPMG hätten das Bilanzergebnis „überraschend“ nach unten korrigiert. Um 13 – 15 Millionen, heißt es im Börsenblatt des Buchhandels.

Mich überrascht das nicht. Aber immerhin spricht niemand von Peanuts.

Selfpublishing und der Untergang des Abendlandes

Gestern las ich bei literaturcafe.de einen Artikel von Wolfgang Tischer darüber, wie Selfpublishing den Buchmarkt verändert (hat). Genau besehen beschäftigt er sich aber hauptsächlich mit dem eBookmarkt. Das BoD-Segment wird beinahe vollständig ausgeblendet.

Die Thesen

  • Keinen Verlag zu haben, ist kein Makel mehr.
  • Der eBook-Sektor ist in erster Linie ein Markt für Minderwertiges. Die angebotenen Werke sind reine Unterhaltung und bewegen sich im Wesentlichen auf dem Niveau von Heftromanen und hätten auf dem „normalen“ Buchmarkt keine Chancen. Unerwartetes und Neues findet sich ausschließlich bei den Verlagen.
  • Der eBook-Markt führt zu Raubbau an Preisen und Formaten. Gerade der Taschenbuchbereich gerät durch Selfpublisher massiv unter Druck. Außerdem ruiniert die Preisgestaltung selbstverlegter eBooks die Preispolitik der Verlage im eBookbereich.
  • Schon die Möglichkeit des Selfpublishings hat Autoren selbstbewusster gemacht. Verlage müssen sich mehr anstrengen, ihre Autoren zu halten.
  • Selfpublishing kann als Talentschmiede verstanden werden, da Autoren mit hohen Verkaufszahlen von Verlagen „eingekauft“, d. h. ins Verlagsprogramm aufgenommen und ihre Bücher als Print in die Buchhandlungen gebracht werden.
  • Andererseits bildet sich bei einigen Verlagen ein neues „Autorenprekariat“ derer, die von ihren Einnahmen nicht leben können und jede Verlagsleistung mit einer Verschlechterung der Konditionen bezahlen.
  • Die Verlage degradieren sich, wenn selbst „seriöse Häuser“ durch Imprints mit Billig-Konditionen und quasi-kaufbare Verlagsdienstleistungen versuchen, „ihr Buchniveau nach unten anzupassen, um Leser vom Self-Publishing-Markt abzugreifen.“
  • Das Marketing im Selfpublishingbereich funktioniert in erster Linie über hohe  Lesernähe. Die Kehrseite dieser Fanbase ist ein gesteigerter Erfolgsdruck, der zu schludrigen Texten bis hin zum Abschreiben führt.

Fazit des Artikels

Das Abendland geht zwar nicht unter, aber das Verhältnis von Selfpublishing zum Verlagsprogramm ist sowas, wie der Billigheimer zum Luxuskaufhaus.

Mein Senf dazu

Natürlich habe ich diese Zusammenfassung nicht als Selbstzweck geschrieben, sondern weil mich der Artikel aus mehreren Gründen betrifft. Ich beobachte den eBookmarkt aus zwei Perspektiven: Dem der Autorin, die ihre Bücher veröffentlicht haben will und dem der Leserin.

Meine Meinung als Leserin

Als Leserin kann ich vielen der Thesen zustimmen. Auch ich finde viele der angebotenen eBooktitel einfach grottig. Sei es, weil der zugrundeliegende Plot dümmlich ist, die Sprache sich auf dem Niveau eines mittelmäßigen Deutschaufsatzes bewegt oder die Handlung inkonsistent ist. Davor ist man bei Verlagsprodukten in der Regel besser gefeit – wenn es nicht gerade um den Kinder- bis All-Ager-Sektor geht.

Qualität

Aber wir reden ja von Büchern für Erwachsene; wobei All-Ager, wie der Name sagt, eigentlich für alle Altersgruppen gedacht sind. Gerade auf diesem Sektor unterscheiden sich auch Verlagsprodukte vor allem durch ihren Umfang vom Heftroman. Für den historischen Roman gilt spätestens seit den Hebammen- und Wanderhurenromanen das Gleiche.
Nun mache ich mir wenig aus Heftromanen. Der Hauptanteil meiner Lektüre liegt trotzdem klar im Unterhaltungssektor mit Fokus auf Krimis und Fantasy. Die wenigsten Bücher lese ich mehrfach. Daher ist für mich die Erfindung des eBooks trotz anfänglicher Zweifel inzwischen eine grandiose Sache, um die Vermehrung meiner Bücher in Grenzen zu halten. Volle Buchregale sind zwar schön anzusehen, aber irgendwann zu viele Bücher schaffen auf Dauer jedes Billy.
Den Platz im Regal hätte ich daher lieber für Kunstbände und Bücher, in denen es auch beim wiederholten Lesen noch Neues zu entdecken gilt. Für alles andere reicht die eBook-Version. Auch unter Qualitätsaspekten empfinde ich aber oft den Preis für ein selbst veröffentlichtes eBook angemessener als den des Verlagsprodukts.
Ich glaube i. ü. nicht, dass die mangelnde Qualität der selbst veröffentlichten eBooks eine Folge des Formats ist, d. h. ich vermute, dass sie bei selbst produzierten Prints ähnlich ist. Aber gerade weil selbst produzierte Prints nur ausnahmsweise in den Handel gelangen, ist ihre Sichtbarkeit gegenüber eBooks deutlich reduziert, so dass der Eindruck entstehen kann, im eBook-Sektor entstünde gehäuft Mist.

Preisgestaltung

Wie schon gesagt, finde ich die Preisgestaltung der Verlage bei eBooks fragwürdig. Ganz besonders gilt das im Vergleich zu den Druckausgaben. Ich kann mich noch an erinnern, in denen ein Taschenbuch maximal 9,90 DM kosten durfte (ja, damals, 1896 in Klondyke …). Dann machten die Verlage klar, dass die Preise steigen müssten, weil sonst Druck, Distribution usw. nicht mehr zu finanzieren seien und inzwischen hat sich der Preis bei etwa 10,- € eingependelt. Mit dem Argument der gestiegenen Produktionskosten, wohlgemerkt.
Gerade die sind beim eBook aber nahe Null; das macht seine Attraktivität bei Selbstveröffentlichungen aus. Man nimmt eine Datei, konvertiert sie ins ePub- (Tolino) oder Mobi-Format (KSP) und läd das Ergebnis bei den Plattformen hoch. Ganz Gewissenhafte prüfen danach noch, ob alle Absätze richtig gesetzt sind und keine Umbrüche entstehen, wo keine sein sollen. Aber man braucht keinen Setzer, keine Druckerei, keine Poststelle. Anders gesagt: Sämtliche Posten, mit denen die Preissteigerung von Taschenbüchern gerechtfertigt wurden, fallen weg. Trotzdem bewegen sich die Preise für Verlagsausgaben von eBooks im Schnitt nur 2,- € unter dem der Druckausgaben – oft genug sogar an denen der Hartcover.
Da fühle ich mich als Kundin zu deutsch gesagt verarscht. Deshalb kaufe ich auch lieber 4 mittelmäßige eBooks von unabhängigen Autoren, als ein mittelmäßiges von einem Verlag.
Wenn ich – z. B. über die Onleihe – auf außergewöhnliche Bücher stoße, kaufe ich mir auch gerne die teure Printausgabe. So zuletzt geschehen bei „Musik der Stille.“

Meine Meinung als Autorin

Als jemand, der auf zwei unveröffentlichten Manuskripten sitzt und vorhat, mehr zu schreiben, finde ich die Entwicklung in erster Linie positiv. Realistisch betrachtet sind meine Chancen bei einem renommierten Verlag unter Vertrag genommen zu werden nicht wesentlich höher, als die, bei der täglichen Hunderunde einen Hundert-Euro-Schein zu finden.
Selfpublishing gibt mir die Möglichkeit, trotzdem Leser zu finden. Dass das jetzt auch möglich ist, ohne den eigenen Ruf zu ruinieren, ist für mich doppelt erfreulich.
Den Gefahren eines „Autorenprekariats“ sehe ich dabei eher gelassen entgegen. Die kritisierten Inprints und eBook-only Ausgliederungen der Verlage bieten die gleichen Leistungen, wie klassische BoD-Anbieter. Interessant ist eher, dass Wolfgang Tischer deren Praktiken nicht zu missbilligen scheint, obwohl die Situation dort für Autoren vermutlich ähnlich ist. Mir stellt sich unwillkürlich die Frage, ob das an der geringeren Sichtbarkeit der selbst publizierenden Print-Autoren liegt.
Die gleiche Skepsis gilt für die Gefahr der Abhängigkeit von der Gunst eines wie auch immer gearteten Publikums und den daraus resultierenden Erfolgsdruck. Zum Einen glaube nicht, dass der Erfolgsdruck für Verlagsautoren geringer ist, zumal der Artikel selbst konstatiert, dass auch Verlagsautoren sich mehr um Publikumsbindung kümmern müssen. Zum Anderen sehe ich auch keine Kausalität zwischen Selfpublishing und Plagiat. Vermutlich sind Plagiate so alt, wie die Menschheit; nachweisbar hat sich jedenfalls schon Shakespeare bei den Stücken seiner Zeitgenossen bedient. Deshalb wäre es ein Wunder, wenn ausgerechnet Selfpublisher davor gefeit wären.

Schlusswort

Differenzen wollen begründet sein. Deshalb habe ich viel dazu geschrieben, worin ich NICHT mit dem Artikel übereinstimme, auch wenn ich tatsächlich in vielem konform gehe.